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Gewissenhaft auktorial 

Zum „Kreuzbergbuch“ von Jürgen Enkemann

 

Ein freudiges Ereignis

 

Als ich, wie andere Unterstützer:innen der Crowdfunding Kampagne fürdieses Buchprojekt, vor wenigen Tagen mein Exemplar in Händen hielt, war ich ebenso erleichtert wie neugierig und gespannt. Die Drucklegung und Auslieferung des Werks, erschienen im Verlag für Berlin - Brandenburg (vbb), musste aus unterschiedlichen Gründen mehrmals verschoben werden, zuletzt wegen der Coronakrise. Es konnte daher auch nicht auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt werden und bereits geplante Lesungen des Autors entfielen. All das war auch für die wichtigste Begleiterin des Projekts auf der Verlagsseite, Sophie Bentzien, eine große Herausforderung.

 

Kaum vorstellbar wahrscheinlich die Erleichterung des Autors Jürgen Enkemann selbst, 82jähriger habilitierter Anglist, Germanist, Philosoph und seit fast 60 Jahren engagierter Kreuzberger, dass seine über Jahre gewachsene Arbeit nun in abgeschlossener Form vorliegt und öffentlich zugänglich ist. Und, nicht zu vergessen: Sogar für deutlich jüngere, internetaffine Menschen ist Crowdfunding kein Spaziergang oder Selbstläufer, sondern eine extrem anstrengende und nervenzerrende Werbeaktion, die über Sein oder Nichtsein eines Produktes oder einer Dienstleistung entscheidet.

 

Durch die maßgebliche Co-Finanzierung per Crowdfunding ist der ästhetisch gestaltete, mit 179 Abbildungen reich illustrierte und sorgfältig edierte Band (239 S.) aus dem vbb aber nun für 25 Euro erhältlich; sozusagen zum Soli – Preis für ein Printbuch, das ansonsten unter herkömmlichen Marktbedingungen produziert wurde.

Und was finden wir zwischen den festen, dabei handschmeichlerisch glatten Buchrücken?

 

Widerständige Tradition

 

Auf jeden Fall geht es im Buch nicht darum, dem Klischeebild vom „bunten, alternativen“ Kreuzberg ein paar Facetten und Anekdoten hinzuzufügen. Das erst genannte Adjektiv zur Charakterisierung des Bezirks gebraucht der Autor überhaupt nicht (außer, ich habe eine Stelle überlesen). Die zweite Bezeichnung wird nicht selbstverständlich verwendet, sondern im ersten Satz zur Wiedergabe der öffentlichen Wahrnehmung und in dem entsprechenden Kapitel („Aufschwung des alternativen Milieus“) „[...] als neuer Leitbegriff in den 1970er Jahren“ in ausführlicher Thematisierung (Kapitel 5, S. 95 ff). Stattdessen charakterisiert der Autor den politisch links - bewegten Bezirk als „widerständig“ oder „resistent“. Im jeweiligen Kontext ist außerdem, begrifflich immer sorgfältig, von einem multikulturellen Stadtteil, von Protestkultur mit Elementen der Utopie, von basisdemokratischen Ansätzen, von Selbstverwaltung ohne Profitorientierung oder gegenkulturellen Konzepten die Rede.

 

Als roter Faden zieht sich also eine Kreuzberger "Widerständigkeit" durch das umfangreiche Werk. Die von Enkemann sehr vorsichtig formulierte und trotzdem zentrale These ist die einer bis heute spürbaren Widerstandsgeschichte, die das politische und soziokulturelle Leben in diesem Teil der Stadt präge.

 

So schreibt er: „Es wäre sicherlich verfehlt, sie [die Kreuzberger Widerstandsgeschichte, d. Verf.in] als eine kontinuierliche, geschlossene Tradition bis in spätere Zeiten hinein zu begreifen, und es ist im Blick zu behalten, dass eine für Kreuzberg als typisch erachtete Resistenz gegen Autoritäten und Machtstrukturen im Lauf der Zeit unterschiedliche Anlässe hatte und zum Teil von sehr unterschiedlichen Gruppen getragen wurde. Dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass bestimmte resistente Handlungen und Einstellungen […] weiterwirkten und Einfluss ausübten […].“ (2. Kapitel, S. 23)

 

Wie der Autor betont, bewegen sich die Kreuzberger Initiativen und Aktionen der jüngeren Zeit dabei in einem schwierigen Spannungsfeld zwischen Zielen und Möglichkeiten, zwischen eher spontanen und basisdemokratischen gegenüber parteipolitischen Ansätzen, zwischen Kreuzberger Bezirkspolitik und Berliner Senat, und das alles vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen.

 

Dazu finden sich sehr interessante Überlegungen, gipfelnd in der Begriffsprägung einer „Kreuzberger Dialektik“ (S. 226). Solche Passagen sind m.E. aber leider allzu vorsichtig - distanzierend, einschränkend, auch umwegig - formuliert worden und über das gesamte Werk verteilt im Fließtext zu finden. Ein eigenes 'theoretisches' Kapitel hätte die Lektüre möglicher Weise  gleich doppelt entlastet.

 

Phasen und spektakuläre Ereignisse, Gruppen und Persönlichkeiten

 

Auf eine sehr lange Einleitung, in der viele grundsätzliche Fragen – etwa zum Realitätsgehalt eines "Kreuzberg - Mythos“  - aufgeworfen, aber nur  teilweise geklärt werden, lässt Jürgen Enkemann das historische Eingangskapitel „Zur Vorgeschichte des Bezirks“ folgen. Ein sehr schöner Beitrag! Leser:innen erfahren hier unter anderem, dass viel „Ungewöhnliches und Paradoxes in der Geschichte Kreuzbergs“ bereits in der bloßen „Benennung des im Jahr 1920 neu gegründeten Verwaltungsbezirks“ zu finden ist (Auflösung auf S. 14 ff ).

 

Anschließend werden „Frühe Impulse für eine kreuzbergspezifische Widerständigkeit“ in den Blick genommen (2. Kapitel), mit dem Schwerpunkt der Nazizeit. Die Darstellung folgt der Maxime historischer Genauigkeit und Unvoreingenommenheit; es gibt keine Verklärung, keine Heroisierungen, doch aber eine klare Haltung. Opfer wie der 1933 von der SA buchstäblich aus dem Amt gejagte Bezirksbürgermeister Carl Herz, und Widerstandskämpfer:innen wie Erwin Beck oder Ursula Goetze werden gewürdigt. Charakteristischerweise stellt der Autor außerdem einen Gegenwartsbezug her, wenn er auf vielfältige Formen des Gedenkens im Bezirk eingeht.

 

Für die unmittelbare Nachkriegszeit werden einflussreiche, unangepasste Persönlichkeiten vorgestellt.  Im gesamten Werk fällt angenehm auf, dass administrative Prominenz  wie Bezirksbürgermeister:innen, oder einzelne Szenegrößen in Bild und Text ebenso vorkommen wie weniger bekannte Aktivistinnen und  Aktivisten.

 

„Die Kunst- und bohèmeorientierte Kreuzbergspezifische Subkultur ab 1950/60“ ist Thema des nächsten Kapitels, mit bekannten Exponenten wie Kurt Mühlenhaupt oder Günter Bruno Fuchs, allesamt männlich. Es schließen sich wesentliche Phasen und viele konkrete Projekte an, in denen widerständige Initiativen ihre Energien entfalteten. Dabei dürfen natürlich besonders bekannte Ereignisse nicht fehlen, wie die Besetzung des ehemaligen Schwesternwohnheims im Bethanien am Mariannenplatz als „Georg von Rauch – Haus“ (1971).  Diese historische Berliner Wohnhausbesetzung sei noch kein Teil einer "wirklichen Hausbesetzerbewegung" gewesen,  wird aber ausführlich in den Kontext der Proteste gegen  die damalige Sanierungspolitik eingeordnet. 

 

Hierzu zitiert Enkemann auch den Sänger Rio Reiser (+ 1996) in interessanten Einschätzungen sowie den Refrain aus dem berühmten „Rauch-Haus-Song“ 1) von Ton Steine Scherben:

 

„'Doch die Leute im besetzten Haus
Riefen: Ihr kriegt uns hier nicht raus
Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich
Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus' .

 Die genannten Personen wurden als Beteiligte am Bau des Kreuzberger Neuen Zentrums, das als Verdrängungsprojekt im Altbauviertel galt, angeprangert."   (S. 92) 

 

Es spannt sich der Bogen der Erzählung und Analyse über viele Etappen und Ereignisse, bis im 12. Kapitel „Widerstände gegen Verdrängung und Immobilienspekulation in Kreuzberg“ in der jüngsten Zeit behandelt werden.

Ein bezeichnenderweise in der Pluralform „Ausblicke“ genanntes Kapitel beschließt das Ganze, vom sorgfältig kompilierten Anhang mit Anmerkungen, Quellen, einem Personenregister etc. abgesehen.

 

Was fehlt

 

Im Kapitel „Kreuzberger Unterstützung für Geflüchtete“ (S. 189 ff) stehen die Auseinandersetzungen um das ehemalige Zeltlager am Oranienplatz und später um die besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule im Mittelpunkt. Im zu kurzen, wahrscheinlich später ergänzten Schlussabsatz über andere Initiativen und Aktivitäten vermisse ich das Kreuzberger Engagement im Kirchenasyl. Schließlich wurde das deutschlandweit erste Kirchenasyl 1983 spontan in der Kreuzberger Heilig -Kreuz-Kirche vom damaligen Pfarrer Jürgen Quandt gewährt, es gründete sich eine bundesweite Initiative und bis heute wird diese Form der Hilfe für Geflüchtete erfolgreich in wechselnden Evangelischen Kirchengemeinden des Bezirks praktiziert.

 

Es fehlt seltsamerweise: Das „Schwulenmuseum“, das bald nach seiner Gründung ein Vierteljahrhundert in Kreuzberg am Mehringdamm 61 beheimatet war (1988 - 2013) und dessen Dauerausstellung zur Geschichte der Homosexualität lange Jahre ein bundesweites Unikat war.

 

Es fehlen: viele Frauen, die das „widerständige“ Kreuzberg mitgeprägt haben und prägen. Jedenfalls ist das anzunehmen! Spontan fällt mir Ana Lichtwer ein, die Begründerin und langjährige Co-Leiterin des „Berliner Büchertisch e.V.“,  eines bis heute bestehenden, wunderbaren Projekts. Rein quantitativ kommen laut Personenregister 245 Männer, aber nur 28 Frauen namentlich  im Kreuzbergbuch vor, das entspricht einem Anteil von ziemlich genau 11,4 Prozent.

 

Im Buch vorhandene Passagen zu weiblichen Persönlichkeiten sind m.E.  gut gelungen. Die Präsentation der „Schokofabrik“ als wichtigem feministischem Projekt dagegen wirkt blutleer, vor allem, weil auf die inhaltlichen Ziele der Frauen gar nicht eingegangen wird.

Generell haben „LBTG“ und „Diversity“ als eigene Aktionsfelder keinen Eingang in dieses Kreuzbergbuch gefunden – schade.

 

Völlig verständlich ist, dass sich ein einziger Autor eines derart umfassend angelegten Werkes nicht überall gleichermaßen einarbeiten, vor allem aber engagieren kann. Hier hätte man sich aber zumindest eine bewusste Beschränkung gewünscht. Oder es hätte die Möglichkeit gegeben, Akteur:innen selbst zu Wort kommen zu lassen.

 

Dieser letzte Punkt verweist auf eine prinzipielle Problematik des sonst substanziellen und beachtenswerten Werks: Der Autor ganz allein verantwortet Inhalte und Deutungen; er nimmt sich einer Mammutaufgabe an und eine gewissenhafte und wissenschaftliche, aber entschieden auktoriale Haltung zu deren Bewältigung ein. Das ist immer noch verbreitete Praxis, aber doch auch 'old school'. Die Last der Aufgabe hätte hier und da solidarisch verteilt bzw. geteilt werden können.

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1. Der Name bezog sich auf den am 4. Dezember 1971 bei einem Schusswechsel mit der Polizei erschossenen Georg von Rauch.

 

 © Janne Bender, 27.05.2020. Veröffentlicht auf www.pandaartfactory.de.