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 GEDANKEN  ÜBER  FOTOGRAFIE

Der Vogel, 3. März 2018

Heute, beim zufälligen Blick durch das Küchenfenster (oder vielleicht wollte ich es doch öffnen, denn es strahlte eine wunderbare Morgensonne, wenn auch immer noch Minusgrade vorhergesagt waren), schaute ich also leicht schräg unter mir im kahlen Baum auf einen größeren farbigen Vogel. Man darf sich die Entfernung nicht zu nah vorstellen, aber er war deutlich zu sehen, gefühlt in Lebensgröße: Ein Eichelhäher! Die türkisblau-schwarz gestreifte Feder an seiner mir zugewandten Seite leuchtete und seine dunklen Augen glitzerten; er hatte den Kopf in Richtung des Hauses gedreht. Wahrscheinlich genoss er die Sonne, denn er saß ganz ruhig, wobei er seine Federn aber nicht abspreizte oder sich gar putzte.

Schnell holte ich die handliche Lumix aus dem Nebenzimmer und noch auf dem Weg zurück machte ich sie fotografier-fertig, war mir nur etwas unsicher, ob ich es wagen sollte, für ein besseres Bild leise das Fenster zu öffnen. Diese Entscheidung wurde mir abgenommen - der Ast war leer. Nein, ich sage nicht, dass mir das Ganze nachträglich nun wie ein Traumbild vorkam, denn so selten ist ein Eichelhäher nun auch wieder nicht. Ich war auch nicht enttäuscht, nur  sehr beschämt.

 

Auszug aus dem Ersten Pandaheft, 1996

[Hierbei handelt es sich um einen aus dem Bewusstseinsstrom niedergeschriebenen unkorrigierten Text mit Illustrationen.]

 

06. September

So viele Fotografien, so viele völlig unterschiedliche Bilder. Heute lachte ich über einzelne Schnappschüsse, die darunter waren. - Das Bild auf dieser Zeitungsseite [Foto: Prinz Claus beim Besuch einer niederländischen Blumenfarm] ist anrührend schön in seiner tragischen Komik. Ein gutes Portrait in adäquaten, fein komponierten Farben, die der unfreiwillig verfremdende Zeitungsdruck sicherlich noch poetisiert hat. -

Die Schnappschüsse aus dem Karton, in den ich vorhin hineingeschaut habe, sind so komisch, weil sie keine komische Situation festhalten sollten, sondern eine verborgene Komik herausbelichtet haben. Ich nenne das mal Enthüllungsfotografie. […]

 

27. September

[…] Künstlerische Fotografie ist keine Kunst. Die Natur ist schön. Ein Foto von der schönen Natur ist keine Kunst! Ein künstlerisches Foto von einem Kunstwerk ist dann schon mehr Kunst.

 

 

Landschaftsbilder, im Vorüberfahren. Aus dem Zug. (Essay zur Ausstellung)

(7. Januar 2019)

Wieso sollte jemand daran interessiert sein, über Jahre hin aus fahrenden Zügen zu fotografieren? It's weird! It's whimsical! Eine Antwort auf die bisher von niemandem aufgeworfene Frage nach dem Hintergrund dieser fotografischen Marotte  ...

 

Auf einer Bahnfahrt versuchen wir Reisenden früher oder später, aufkommender Langeweile und psycho-physischer Ermüdung entgegenzuwirken. Wir schreiben und empfangen Emails auf Smartphone, Tablet oder Notebook, hören Musik über Kopfhörer, schauen uns Filme an; wir lesen Zeitung, blättern im Reisemagazin der DB oder schaffen einen Roman fast bis zum Schluss; es finden angeregte und manchmal tiefschürfende Gespräche mit uns unbekannten Mitreisenden am Tisch statt; wir essen und trinken und spielen auch heute noch „Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst“ mit unseren Kindern. Und ich schieße immer gerne einmal eine größere Anzahl von Fotos durch das Fenster nach draußen.

 Übrigens erledigen wir nur, wenn wir die Fahrt als solche ignorieren möchten, vom Betreten des Zuges bis zum Zielbahnhof durch und durch nützliche Tätigkeiten wie Prüfungsvorbereitungen oder die Pflege von Kundenkontakten (letztere dann hoffentlich nicht am Mobiltelefon). Sind wir dagegen emotional involvierte Reisende, empfinden wir zum Beispiel Abschiedsschmerz oder die Vorfreude auf ein Wiedersehen, manchmal melancholische Trägheit, Ärger über Umstände, die uns das Reiseerlebnis zu vermiesen drohen, und gar nicht so selten ein generelles Gefühl des Aufbruchs und der neugierigen Offenheit während der Fahrt als solcher. Religiöse Gefühle und ungebrochene Naturbegeisterung dürften dagegen eher selten aufkommen. Bei Eichendorffs romantischem „Taugenichts“, der hier in einer Kutsche unterwegs ist, gehörten sie noch dazu:

„Wir aber rasselten durch die stille Nacht einen Steinweg hinan, der sich auf einen hohen Berg hinaufzog. Bald überdeckten hohe Bäume und herabhängende Sträucher den ganzen Hohlweg, bald konnte man auf einmal wieder das ganze Firmament und in der Tiefe die weite stille Runde von Bergen, Wäldern und Tälern übersehen.“               Joseph von Eichendorff, Aus dem Leben eines Taugenichts, 5. Kapitel

Der Blick nach draußen ist dagegen auch heute noch ein wichtiger Bestandteil des Reisens. Deshalb sind Fensterplätze in der Bahn bei den meisten Passagieren beliebter als die Plätze am Gang, sogar, wenn man dafür rückwärts fahren muss. Zumindest früher haben wir uns gerne auf ein Getränk im Speisewagen niedergelassen, einfach weil der Blick auf die Landschaft durch größere, getönte Scheiben dort besonders attraktiv war. Allerdings waren in überfüllten Zügen die Plätze aus praktischen Beweggründen heraus eventuell schon besetzt. Ganz ganz früher konnte man auch die Zugfenster im Abteil öffnen, um einen unverstellten Blick nach draußen zu werfen und bei Gefallen ein Motiv in einem Foto festzuhalten.

 

Outing als unverbesserliche Romantikerin

 

Das eigentlich Charakteristische der Durch-Das-Zugfenster-Fotografie ergibt sich aus der einfachen Tatsache, dass eine Person sich nicht dafür zu blöde ist, die Kamera immer wieder durch das Fenster eines fahrenden ICE oder Regio nach draußen zu richten.

Die fotografischen Resultate aus solchen Bemühungen können heutigen fotografischen Standards nämlich kaum entsprechen. Die Bilder leben von dem Flüchtigen, nur mühsam Festgehaltenen, inklusive einiger auf den Fotos verbleibenden Mängeln. Jede Kamera eines neueren Mittelklassehandys ermöglicht es den Besitzer*innen dagegen, ohne große Mühe reiseprospekt - taugliche Landschaftsfotos zu generieren, zumindest zusammen mit dem mitgelieferten Bearbeitungsprogramm! Durch die Fensterscheiben der fahrenden Bahn aufgenommene Motive gehören bisher irgendwie nicht dazu. Dabei käme man mit der Sport-Aufnahmen – Funktion der Sache schon ganz nahe. Als erstes müsste die dann aber anders heißen.

Es bleibt der künstlerische Ansatz. Aber was, so befrage ich mich, soll das für einer sein? Ich frage also noch einmal (Entschuldigung): Was, um Himmels willen, sucht oder findet, wer seinen faszinierten Kamera - Blick auf die draußen vorüberziehende Landschaft richtet? Die nur auf wenigen Strecken als "atemberaubend schön" durchgehen kann?

Meine Antwort auf die selbst aufgeworfenen Fragen ist folgender dringender Verdacht: Es handelt sich in meinem Fall um ein nur kaum getarntes, im Kern rettungslos  r o m a n t i s c h e s  fotografierendes Subjekt.

Lassen Sie mich noch die Gründe für den eben behaupteten romantischen Charakter der Durch-das-Zugfenster-Fotografiererei anführen . Es wäre fantastisch, wenn Sie wider Erwarten dabeiblieben! Es würde mich sehr glücklich machen!

Nun also … Dem* Romantiker*in ist die Fahrt selbst das Wichtigste. Das „gelungene“ Foto darf, ja soll deshalb die Grundsituation des Fahrens enthalten und die Bewegung des Zuges aufnehmen. Ohnehin wird die Nähe (verschwommen) im romantischen Reiseempfinden weniger wertgeschätzt als die Ferne (schärfer). In weiter Ferne liegt das geahnte, ersehnte Ziel, das logischer Weise nie erreicht werden kann, da es beim – ernüchternden - Näherkommen seine Qualität als vage Ferne verlieren würde. Dahinter tut sich eine neue Ferne auf. - Ein flüchtiger schöner Anblick, ein besonderer Moment - im Vorüberfahren löst er ein freudiges Gefühl aus und wirkt fort, indem er der Fantasie Nahrung gibt und die romantische Sehnsucht befeuert. Das kann der berühmte einsame knorrige Baum sein, aber auch eine Gruppe Jugendlicher in punkigen Klamotten, die zusammengekuschelt in einem Buswartehäuschen vor dem Regen Unterschlupf suchen. Dahinter ein Dorf und Hügel. Die Welt der Romantiker*innen ist ja voller Geschichten und Wunder, die nur entdeckt werden wollen. Vielleicht hat die Kamera den besonderen Anblick und wunderbaren Moment also sogar „bemerkt“ und aufscheinen lassen, der meinen schwächlichen Augen gerade entgangen ist? (Statt des „Zauberwortes“ im Novalis – Gedicht, das dort das schlafende Lied in den Dingen zum Singen bringt.) Bei den jungen Leuten war es nun gerade umgekehrt - Fotograf*innenschicksal. Einmal ins Bild gebannt und konserviert, wird das Wunderbare sich allerdings eher über kurz als über lang sowieso wieder entzaubern. Leider hat die Fotografie als Medium nämlich etwas Kurzlebiges an sich, bei aller fotografischen Jagd des Subjekts nach dem Einzigartigen, das sich dauerhaft einprägen und Bestand haben wird. * Aber: Man kann es ja von Neuem einzufangen versuchen. Man wird.

Welche Wunder hinter den Zugfenstern sucht die Romantikerin in dem gelungenen Bild (die Bewegung einschließend)? Vor allem wird sie die Landschaft da draußen in ihren Formen und Farben beeindrucken, und da sie in kindlicher Weise begeisterungsfähig ist, muss es keine „spektakuläre“ Landschaft sein. Die horizontale Gliederung, Himmel und Wolken reichen ihr schon, intensive Farbigkeit oder lauter grautönige Schleier. Menschen und Objekte innerhalb der Szenerie rufen Gefühle hervor und setzen Gedanken in Gang. Dabei bleiben die Gedanken, ausgelöst durch die sinnlichen Eindrücke, während des romantischen Reisens leider ziemlich undifferenziert. Gerne darf es um Harmonie, Wunschträume, Geheimnis oder zumindest Überraschungen gehen; die Fantasie malt sich eine Natur mit klarer Luft und sauberem Wasser aus, mit Tieren vielfältiger Art, darin gute Behausungen mit glücklichen, kreativen Menschen ohne erzwungene Armut. Krisen, die überwunden werden, Transformation, Entwicklung! Allerdings ...

In den großen abgezirkelten Feldern intensiver Landwirtschaft verbirgt sich das Wunderbare bestimmt nicht und wahrscheinlich auch selten in den adretten Häusern, die dazwischen zu sehen sind (historisch – romantisch gesprochen: in denen die Philister wohnen). Heruntergekommene ehemalige Bahnwärterhäuschen regen dann schon eher die Fantasie an. Auch ein Netz von Straßen mit sagenhaft vielen Autos ist nicht sehnsuchtsfördernd und „Wohnsilos“ stimmen ratlos. Heftig rauchende Fabrikschlote und besonders ferne Atomkraftwerke, die ja nie direkt an einer Bahnlinie liegen, wecken starke negative Emotionen. Und desillusionieren schlagartig das romantische Fernweh.

Ebenso schwer fällt es, das Wunderbare in einem Stück Wald zu verorten, der kurz ins Bild kommt, will man nicht sämtliches Wissen über Luftverschmutzung und Waldsterben ignorieren. Eine besonders knifflige künstlerische Frage stellt sich bei den Windparkanlagen. Aus der Ferne wirken sie leicht lächerlich, kleine putzige uniforme Spielzeugmühlen. Aus der Nähe kann man sie nicht angemessen, und das hieße: dokumentarisch – scharf, fotografieren.

 

Allerdings: Romantiker*innen sind meistens sehr sehr hartnäckig. Sie lassen sich nicht leicht entmutigen.

 

So versuchen sie in Fotomotiven wie dem sich dahinziehende Fluss, auf dem andere Reisende unterwegs sind, die herbstlich – intensive Stimmung einzufangen, die Überraschung beim gerade erst freigegebenen Blick auf eine Stadt oder die Schönheit der hintereinander gestaffelten „exotisch“ geformten, feingezeichneten Bergketten im fernen China. Dafür nehmen sie auch den Stress auf sich, dem das Fotografieren beim schnellen Fahren unterliegt. Kurze, poetische, als wesentlich empfundene Momente wollen eingefangen werden. Wann kommen sie? Keine*r weiß das genau. Husch – schon vorbei.

Immer wieder stellt sich Ernüchterung ein. Recht so! Die romantische Wahrnehmung ist sowieso tendenziell reaktionär. Das hat schon der emanzipierte „letzte Romantiker“ Heinrich Heine vor schlappen 200 Jahren erkannt. Wenn nun das träumerisch auf einer Morgenwiese auftauchende einsame Pferd - ja, ganz dem Klischee entsprechend - nicht „angemessen“ auf dem Foto wiedergegeben ist, muss das Foto eben verworfen werden. Besser so! Andererseits: Warum eigentlich? Als Kitschbild taugt es zwar nicht. Die Ernüchterung (das Realitätsprinzip) könnte man aber als Störfaktor im Bild beibehalten, so wie eine perspektivisch verzerrte Signalanlage oder sogar das Schiff auf dem Fluss, das man ja schnell als touristisches Ausflugsboot erkennt, welches nichts Abenteuerliches hat. Nun war die „Desillusionierung“ aber schon immer Teil des romantischen Erlebens. Romantische Ironie genannt, bezeichnet sie den Moment, in dem der Romantiker, die Romantikerin in der Alltagsrealität aufschlägt. Das Dilemma bleibt also. Man mag es drehen oder wenden: Es gibt keine überzeugende Rechtfertigung für „Landschaftsbilder, im Vorüberfahren, aus dem Zug“.

 

Zum guten Schluss

Ich möchte mich nun mindestens eintausendneunhunderteinundfünfzig Mal bei allen Leser*innen dieses Essays bedanken, die bei der Lektüre soweit durchgehalten haben; bei allen Fotograf*innen, Reisenden der Deutschen Bahn und allen anderen Mitmenschen!

Auch wollte ich ursprünglich nicht um derartig viel Verständnis, ja Mitleid für meine Marotte werben. Dafür bitte ich ebensoviele Male um Entschuldigung.

Von einer gewissen Peinlichkeit abgesehen, handelt es sich schlussendlich nämlich einfach um einen sehr angenehmen Zeitvertreib. Man fotografiert hoffnungsfroh aus Zugfenstern hinaus um anschließend sozusagen die Goldkörnchen unter den Dateien auszusieben und das Übrige in den Papierkorb zu werfen.

Wenn man meint, dass es auch das Katzengold tut, da ja auch Katzengold die Seele beflügeln kann. Metaphorisch gesprochen. Im romantischen Sinne.

_________

* Diesen Gedanken zu vertiefen, würde mehr als einen weiteren Text erfordern. Es handelt sich um ein Thema, das so alt ist wie die Fotografie selbst, mit einer Fülle von Beiträgen. Ausdiskutiert ist es noch immer nicht.

 

Post zum Artikel

"Reaktionen auf #allesdichtmachen  - Schauspieler in die Notaufnahme"

(taz.de vom 25.04.2021) kommentiert als JCCharlotte

https://taz.de/Reaktionen-auf-allesdichtmachen/!5768587/

 

Leserbrief

 (Das Coronavirus ist ...) Nicht für alles verantwortlich (Printausgabe, taz am wochenende / 18./19. April 2020)

 [zu "Patriotenblues" von Ulf Erdmann Ziegler, taz vom 14.04.2020]

 "Im kritischen Diskurs geht es um eine Auseinandersetzung mit dem Regierungshandeln; um die Frage nach echter Solidarität; um Medienkritik; um Mythen, Manipulation und plitisch opportunes Handeln versus rational begründbare Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und um die offizielle Kommunikation und Informationspolitik selbst."   (usw.)

 

Post zum Artikel

 Interview mit Sigrid Grajek  -Ich bin nun mal kein Gretchen“  

 (taz.de und die tageszeitung vom 26.05.2018

 http://www.taz.de/!5506374/#

 

Sprachkritischer Post zum Artikel

Kommentar zur neuen alten Regierung Magma unter der Oberfläche“

(taz.de und die tageszeitung vom 17.02.2018)

http://www.taz.de/!ku40744/

 

Post zum Artikel

Deniz Yücel nach seiner Freilassung - "Es bleibt etwas Bitteres zurück"

(taz.de und die tageszeitung vom 15.03.2018)

http://www.taz.de/!ku40744/

 

 

Leserbrief zum Artikel

Einfühlsame Reportage (Printausgabe taz, Juli 2018 ]

 ["Der fremde Sohn"]

 Anders als im Falle eines früheren provokanten taz-Artikels ihres Kollegen Hannes Koch über seine persönliche Negativerfahrung bei dem unbeholfenen Versuch, den syrischen Flüchtling Karim eine Zeitlang zu begleiten, handelt Veronika Wulfs Reportage von der gelungenen Integration des jungen Juody – auch er aus Syrien.

 

Auf der Grundlage einer Art Langzeitbeobachtung mit eigenem großem Einsatz erzählt die Journalistin Juodys Geschichte inmitten der schwäbischen Familie Bernhardt, die ihn als Pflegekind aufgenommen hat. Wie die neuen Eltern lange Zeit unter der Sprachlosigkeit und Verschlossenheit des „fremden Sohnes“ leiden, wie der ganz allmählich seine große Verunsicherung überwinden lernt und sich öffnet, das berührt und es ist spannend zu lesen.

 

Juodys Integrationsleistung wird möglich gemacht durch die liebevolle Zuwendung, den absoluten Respekt, die Geduld und Authentizität der Menschen in seiner nahen Umgebung. Es sind persönliche Ängste und Trauer, kulturelle Differenzen und das gesellschaftliche Klima in Deutschland, die für den syrischen Jugendlichen zunächst große Schwierigkeiten auftürmen. Dies beleuchtet Veronika Wulf durch einen außerordentlich klugen „Trick“: Sie lässt den jungen Flüchtling, der sich ja inzwischen artikulieren kann, die Probleme von damals kommentieren, im Kontrast mit deren Darstellung durch Christa und Rainer Bernhardt. Auf diesem Wege stellt sich ein  nachträgliches  Verstehen ein. Neben anderen Stellen werden den Leser*innen so einige überzeugende mögliche Erklärungen angeboten.

 

Diese einfühlsame Reportage ist nicht nur anschaulich und konkret, sondern auch ein Stück analytisch zu nennen. Sie zu lesen tut gut in Zeiten, in denen gebetsmühlenartige Jammerer, kalte Anti - Flüchtlings - Strategen und kläffende Hetzer die öffentliche Meinung zu bestimmen versuchen. Vor allem macht sie Mut, sich zu engagieren.

 

 Das alles ist eines Journalistenpreises würdig!

 

 Die religiöse Kluft überwunden (Printausgabe / Dezember 2017)

 ["Liebe, Demut und Atome"]

Die kluge und mit - fühlende Menschen- und Tierrechtlerin, Feministin, Philosophin und Muslimin Hilal Sezgin überwindet in ihrem Artikel die scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen Atheist*innen und gläubigen Menschen. Sehr schön dabei der Hinweis auf die Gläubigkeit der großen Repräsentanten der europäischen Aufklärung! Fanatische Muslime (= Islamisten) oder dogmatische, fundamentalistische Christen stehen hier einmal nicht im Mittelpunkt der Überlegungen, da wir uns in unserer Ablehnung einig sein dürften und die Kolumne ja 'Schlagl_och' und nicht 'Schnellstraße' oder 'Trampelpfad' heißt.

Eine Muslimin schreibt hier also in der Weihnachtszeit einen taz-Artikel, der mir als Christin aus der Seele spricht. Ganz schön verrückt. Ich sage lieber: grenzüberschreitend, transzendierend, und deshalb so klug. Um sich nach Möglichkeit zum Wohle der Mitmenschen, der Umwelt und zum eigenen Wohlergehen, religiös gesprochen: zum Wohle der Schöpfung, zu engagieren.

 

 

„Flanierend die Stadt aneignen“ taz vom 19.12.2020 

[Ein Artikel vom Autorinnenkollektiv des Buches „Flexen. Flaneusen.“ (Unruh-Verlag, 2020).)

Der Artikel ist kostenlos im taz - Archiv zugänglich. 

Meine selbstbehauptete Eignung für die folgende Replik gründet darin, dass ich in den durchaus frauenbewegten 70er Jahren zweitsozialisiert wurde. Und dass ich eine leidenschaftliche Flaneurin war! War ... bis Ende September, als ein durch eigene Hektik verschuldeter Sturz in der Wohnung mein rechtes Bein für viele noch andauernde Wochen und Monate lädiert und flanieruntauglich gemacht hat. Ach, wäre ich doch besser sinnierend durch die Stadt spaziert! Oder durch den nahen Park gewalkt.

Ich müsste also nicht eigens zur Aneignung der Stadt als Flaneurin sie-mutigt werden (kein Zitat). Sollte ich jedoch, einige kollektive Schritte weitergehend, vielleicht entschiedener zum "Flexen" bewegt werden? Ich glaube, schon.

Für die Autorinnen bedeutet die Wortneuschöpfung, das F l e x e n, die Stadt aus feministischer, antikapitalistischer, antirassistischer ... Perspektive im Gehen zu betrachten und sich dabei Wahrgenommenes durch Umdeutung anzueignen. Dabei kommen die im Artikel verhandelten Inhalte angenehm leichtfüßig daher. Allerdings doch nur auf den ersten Blick.

Aus diesem "Flexen" der Stadt könnten sich Interventionen entwickeln, wie die Umbenennung von Straßen. Viele weitere Beispiele werden gegeben. Mir fällt gerade auch das urban gardening ein, allerdings ohne passenden Bezug zur Saison, mit seinen kleinen subversiven Aktionen wie "seed-bombing", oder die Bestrickung von Pfeilern durch HandarbeiterInnen (Knit – Art; sie gefällt mir). Wichtige Beispiele aus dem Artikel sind die Ausgrenzungserfahrungen von Behinderten oder der Protest gegen öffentliche Toiletten, die für Frauen untauglich sind (Berlin, Leopoldplatz), "die wieder einmal zum Symbol für sexistische Stadtplanung wurden".

 

Ich folge, gehe mit.

Insgesamt manifestiere sich Geschichte nicht nur in der Stadt, sondern offenbare auch Widersprüche, patriarchalische Setzungen und soziale Ungerechtigkeiten, schreiben die Autorinnen sinngemäß - und ja, ich gehe gerne weiter mit.

Nur - ich flaniere dann einfach nicht mehr!!  Auch nicht in Gedanken.

Zwar könnte ein:e Flaneur:in bevorzugt die vielen Un-Orte einer Stadt ansteuern, sie kann kritisch die alten oder modernen Fassaden hinterfragen, ihren asozialen Hintergrund aufspüren, dagegen angehen. Die FlaneurIN wird in der Tat eher neuralgische Stellen verorten, die frauen- und transgender - feindlich sind, denn Stadtplanung ist in der Tat mehrheitlich männlich dominiert. Aber Männer beim kritischen "Flexen" der Stadt wegdenken? Das entspricht nicht der Realität vieler engagierter Menschen in unserer Stadt.

Ausschließlich kritisch-gezielte Stadtbegehungen haben nichts mit Flanieren zu tun, weil letzteres ein aufmerksames und konzentriertes, aber trotzdem ergebnisoffenes Gehen in Muße ist! Daher ist es meiner Meinung nach auch nicht möglich, dass ein "Audiowalk [...] dem Flanieren als Kunstform eine weitere Facette [hinzufügt]", da man dabei alleine laufe, sich aber angeblich "die einzelnen Flanierenden zu einem Erlebniskollektiv" verbinden. Bei einem Audiowalk zu einem mich interessierenden Thema mache ich nach üblicher Auffassung eine Führung mit, nur ohne live guide, und im Textbeispiel eben auch ohne Gruppe. Das ist kein Flanieren - wenn auch eine tolle Option zu Coronazeiten.

In ihrem Fazit entsorgen die Autorinnen konsequenterweise dann den "Beaudelair'schen Flaneur" in einer passend verstaubten Schublade. Dabei packen sie heutige Flaneur:innen gleich mit hinein, in kühner Umdeutung des Flanierens als Begriff. Bitte, steckt uns nicht alle in diese Schublade! Ganz ehrlich, ich gehe dort nicht freiwillig hinein! Sondern bestehe auf der Berechtigung zum altmodischen (?), wenn auch nicht kritiklosen und gripsfreien individuellen Flanieren!

Trotzdem, liebe Autorinnen, ihr habt viel Wichtiges gesagt. Und zu Recht liegt euch engagiertes "Flexen" am Herzen.

 

©Janne Bender (2020).  Published on www.pandaartfactory.de (2021)

 

Aggression (meine) am Spielplatz (2021)

 

Der Papa - Mann, in diesem Fall italienischsprachig, Mitte 30, vermute ich, normalbärtig mit hippem Touch, sommerlich praktisch und in Grüntönen gekleidet – er kümmert sich nur reduziert um seine zwei Kinder. Und vielleicht gibt es gar noch eins, ein eigenes oder in seine Obhut gegebenes, das sich irgendwo hinten auf dem Spielplatz außerhalb seines Blickfeldes aufhält. Zumindest letzteres stellte sich dann als arge Projektion heraus.

Als ich mich auf eine Bank jenseits des Weges setze, hängt er gerade auf der Einfassung des Spielplatzes hockend, dann stehend, in jedem Fall hörbar handytelefonierend herum. Um über die vier Meter ein paar Brocken der mir nur rudimentär bekannten italienischen Sprache zu verstehen, sind seine Worte aber nicht laut genug. Das ältere, vielleicht sechsjährige Kind, das sich später als seine Tochter herausstellt, spielt derweil wartend - ergeben mit dem Mulch, das viel kleinere, gewindelte, ein Söhnchen, wie sich später herausstellt, spielt mit den Steinlein
und staubigem Sandbelag oberhalb der Abgrenzung auf dem breit herumführenden Weg. Das dauert allein während meiner Anwesenheit bestimmt eine Viertelstunde. (Ich bin echt gut im Zeitdauer - Schätzen.) Als der Papa steht und sich telefonierend noch ein paar Meter entfernt, beginnt die Tochter, zum Glück nicht hart, Holzstücke aus dem Mulch auf den kleinen Bruder zu werfen. Sie hat langes Haar und trägt zweckmäßige Dreiviertelhosen und ein T-Shirt ohne Schnickschnack.

 

Es ist sechs Uhr durch, vielleicht ist Aufbruch angesagt und vielleicht wird irgend jemand noch vermisst. Auf eine offensichtliche Nachfrage des Papas deutet das Mädchen nämlich vage in den weit entfernten hinteren Teil des Spielplatzes oder darüber hinaus in die Tiefe des Gleisdreieckparks. Vielleicht hat man ja aber vorher etwas verloren? Vielleicht die Geldbörse oder einen Schlüssel? (Das Handy ist ja vorhanden.)

Das wäre eine mögliche Erklärung für die fortgesetzte Distanziertheit des Papas, seine Ignoranz gegenüber den beiden Kindern. (Eine mögliche Erklärung, aber keine Entschuldigung! Ich sagte ja schon, ich hegte eine Aggression.) Papa gibt nun eine Art Anweisung gegenüber der Tochter und entfernt sich, bis er völlig außer Sichtweite ist. Der Junge fängt inzwischen an, ein bisschen auf dem Weg hin- und herzulaufen, beugt dann aber an der früheren Stelle seine Beinchen wieder in die Hocke. Nachdem das Mädchen etwas zu ihm gesagt hat, entfernt es sich ebenfalls in die Richtung, in die der Vater abgegangen ist. So hatte der's aber bestimmt nicht angeordnet! Jetzt fängt der Kleine an zu weinen, ganz sachte. Eine ältere Dame, die ihr Fahrrad vorbeischiebt, bleibt stehen und spricht ein paar beruhigende Worte.


Auch kommt das Mädchen schon pflichtschuldigst zurück. "Siehst du, da kommt schon dein Bruder oder deine Schwester", sagt sie. "Die Schwester", sagt das Mädchen. "Das ist mein kleiner Bruder." "Siehst du, du brauchtest dich gar nicht alleine zu fühlen", sagt die ältere Dame zu dem Kleinen. (Das finde ich nicht ganz richtig, aber es ist freundlich gemeint.) Das Mädchen zieht den Bruder recht vorsichtig hoch und will sich mit ihm auf den Weg machen, überlegt es sich dann aber anders und trägt ihn auf dem Arm nach hinten fort, auf dem Weg, ans Ende des Spielplatzes oder darüber hinaus.

Nein, auch kurzes Nachdenken stimmt mich dem Vater gegenüber nicht versöhnlich. Hätte er die Kinder nicht an einer geeigneteren Stelle warten lassen können als am Wegesrand? Warum hat er sie überhaupt alleingelassen? Niemanden gebeten, ein Auge auf sie zu werfen? Sich für die Kommunikation mit der Tochter kaum Zeit genommen, dafür aber ausgiebig telefoniert? Warum hat er ihr seltsam beiläufig Aufträge erteilt, die nicht altersgemäß waren? Panisch wirkte er nicht, nur schlecht gelaunt. Unsympathisch, das! Eigentlich egal - aber wie fühlen sich die Kinder?

So, jetzt pfeife ich meine Gedanken aber zurück.

Etwa zwanzig Minuten später fährt dann hinter meiner Bank die kleine Dreiergruppe auf der Auf- bzw. Abfahrt Richtung Möckernstraße hinunter. Ein Zufall, dass ich es mitbekomme. Der Papa im Helm auf einem Fahrrad mit Anhänger, darin gut verstaut der kleine Junge; durch die Schutzplane sieht man sein Gesicht. Dahinter auf einem eigenen Fahrrad das Mädchen. Bestimmt trug sie auch einen Helm, aber beschämender Weise erinnere ich mich nicht daran.

.Die Situation sieht wieder geordnet aus.

 

Ansonsten staune ich über meine unverminderte Aggression dem unbekannten Vater gegenüber.Fauler Kerl! Egozentrisch! Zu wenig Wärme, Empathie.
Wo blieb die Fürsorge in der Situation? Macho. Unsympath.

Das hab ich so gefühlt und gedacht.

Ich geb's zu.

©Janne Bender (2021).  Published on www.pandaartfactory.de

 

 

 Auf der Demo zum Internationalen FrauenKampfTag  2020

Allerlei Slogans und eine Begegnung

 

Wer nicht dabei war in Berlin: Das Wetter war sonnig klar und die Stimmung insgesamt heiter. Wir sollen 12.000 gewesen sein, Männer eingerechnet. Um zwei Uhr zwanzig nachmittags marschierten wir am Leopoldplatz los und erreichten den Alexanderplatz gegen halb sechs - zumindest die von uns, die bis zum Schluss dabeiblieben. Ich gehörte im Prinzip dazu, allerdings musste ich mich in der XYstraße (vergessen) in die Kloschlange in einem "Subway" einreihen, so dass ich auf dem Alex erst eintraf, als die Kundgebung schon fast zu Ende war.

 

Es gab also viel Zeit, um Mitstreiter:innen zu treffen, aber auch die Slogans auf den vielen selbst erstellten Schildern kennen zu lernen.

 

Ein Motto schien mir dieses Jahr besonders zahlreich vertreten zu sein. (Mein Vergleich bezieht sich dabei auf 2019, wobei ich letztes Jahr in einem "Block" mitgelaufen bin, in der respektvollen Nähe zu prominenten Politiker:innen, wo andere Slogans vorherrschten.)

 

VIVA LA VULVA!

 

Wir haben es hier mit einem italienisch- oder spanischsprachigen Slogan zu tun, der vielleicht in Anlehnung an den Schlager "(E)viva Espagna" entstanden ist. Rhythmisch käme das jedenfalls hin. Er punktet zusätzlich mit einer Alliteration und vielen Assonanzen. Inhaltlich werden hier selbstbewusst und ein wenig trotzig - provokant die primären weiblichen Geschlechtsmerkmale ins Licht und ins Zentrum gerückt, die lange genug in eine schamhafte Tabuzone verbannt worden waren, wo sie nur der männlichen Verfügungsgewalt unterstanden.

Ja, Leute, so wurde beispielsweise Ende des 19. Jahrhunderte Künstlerinnen der Zugang zu den Akademien gerne mit der Begründung verwehrt, dass das Studium nicht nur männlicher, sondern auch weiblicher Akte moralisch unzumutbar sei.

Ganz zu schweigen von patriarchialischen Ritualen wie der furchtbaren Praxis der Genitalverstümmelung an Mädchen, die von den eigenen Müttern der Mädchen gutgeheißen wird.

 

Stattdessen lebe sie hoch, die Vulva! 

 

Am Vorabend auf einer Party konnte frau das Motto auch auf kleinen Buttons bekommen. Ich hatte mir aber keinen genommen und entsprechend auch keinen angesteckt. Leider ist bei mir trotz Zweitsozialisierung in den 1970er Jahren eine leichte Genierlichkkeit zurückgeblieben.

 

Geschätzte 80 Prozent aller selbstkreierten Schilder waren in English gehalten. Ist das die lingua franca auch unter Feministinnen? Manche davon, bestimmt einmal aus der amerikanischen Frauenbewegung oder aus GB importiert, finde ich Klasse.

 

LOVE SEX

HATE SEXISM!

 

Von diesem Motto bin ich inhaltlich und von der kommunikativen Leistung her überzeugt. Fastjede:r wird so ein Schild verstehen und kurz und knackig ist der Spruch auch.

 

Verwandte Sätze auf Deutsch haben mir aber auch gefallen:

 

Lasst es glitzern

Lasst es knallen

Sexismus in den Rücken fallen

 

Hier gibt es einen erheblichen poetischen Mehrwert gegenüber dem englischen Original. In den ersten beiden Versen mit ihren schönen passenden Umschreibungen und mithilfe eines Parallelismus; am Schluss durch den Reim.

Über die etwas weniger gelungene Metapher im letzten Vers kann frau locker hinwegsehen. Oder sie denkt sich dazu eine Attacke, bei der dem Aggressor buchstäblich in den Rücken gefallen werden muss.

 

Ehe ich weitere Anmerkungen mache, verspreche ich übrigens:

Nächstes Jahr bin ich mit einem eigenen Schild dabei auf der Demo zum Internationalen Frauentag!

 

Herumkritteln ist ja immer leichter, als selbst etwas Substanzielles - Mitreißendes - Lustiges beizutragen.

Auch werde ich mich dann klarer positionieren müssen für ein Thema, das mir möglicherweise besonders am Herzen liegen wird.

 

Weiter geht's mit 2020er Schildern. Das schon erwähnte, 'Viva la Vulva', wurde gerne mit Zeichnungen versehen hochgehalten. Hübsche Vulvas (Vulvae) fassten sich dabei an der Hand, um einem solidarischen, fröhlichen Kreis zu bilden. Das ist etwas völlig anderes als die aufdringlichen und immer einsam aufragenden Penisse, denen man als Graffiti im Stadtbild begegnet! Obwohl ich selbst, wie schon angedeutet, nicht mit einem entsprechenden Schild unterwegs sein könnte.


In englischsprachigen Slogans, die das in seinen Auswirkungen sehr konkrete, als Begriff aber abstrakte Patriarchat aufs Korn nahmen, hatte leider der bestimmte Artikel hartnäckig seine Stellung behauptet und sich so über englische Grammatikregeln hinweggesetzt.

 

FIGHT THE PATRIARCHY!

 

DESTROY THE PATRIARCHY

NOT THE PLANET!

 

Demgegenüber staunte frau über das nicht nur fehlerfreie, sondern anspruchsvolle, 'sophisticated' Englisch in anderen Slogans, was andererseits als ein gewisser Schwachpunkt dieser Schilder angesehen werden kann, denn sie sollen ja möglichst viele aufgeschlossene Mitmenschen ansprechen.

 

UNLEARN SEXISM AND RAPE CULTURE

FIGHT BACK!

(Umlernen, weg von Sexismus und Vergewaltigungs'kultur'!)

 

ANYTHING WE WANT TO ACHIEVE

WE CAN ACCOMPLISH!

(Was auch immer wir erreichen wollen, können wir vollbringen.)

 

Oder:

 

BOYS ARE

BOYS

ACCOUNTABLE FOR

THEIR ACTIONS

 

Diesen Slogan habe ich erst auf dem Rückweg in der U Bahn vom Hermannplatz Richtung Rathaus Spandau gelesen. Die junge Frau, die das Pappschild noch unter dem Arm trug, sagte damit, dass Jungen oder Männer sich nicht darauf hinausreden dürfen, dass "Jungs", die Scheiße gebaut haben, nun mal so seien, sondern dass sie für ihr Handeln bzw. ihre Taten verantwortlich sind.

Und sie hatte natürlich recht.

 

Auch für Sprachspiele wurden die Englischkenntnisse vieler Mitdemonstrant:innen eingesetzt, die wahrscheinlich aus dem studentischen Milieu kamen.

 

ReSISTER

(eine Mischung aus resist - sich widersetzen, Widerstand leisten und sister - gleichgesinnte feministische Frau.)

 

DESTROY THE

CIS- TEM!

 

(Zerstört das System, das zugewiesene Geschlechteridentitäten fordert.)

 

... oder so ähnlich. Den Begriff "cis" jedenfalls habe ich selbst erst dieses Jahr kennen gelernt. Zm Beispiel bei Wikipedia wird er ganz gut erklärt.

 

Gewerkschaftlich orientierte Frauen und Männer, Teilnehmer:innen, die SPD- Fahnen oder Fahnen der Linkspartei tragen, auch Grüne, machen dagegen deutlich seltener von der englischen Sprache Gebrauch.

 

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                    Irgendwo auf der langen Chausseestraße spreche ich eine junge Frau an. Ich

       möchte wieder mit jefrauder / jemandem ins Gespräch kommen. Sie wirkt sympathisch

       mit ihrem freundlichen Gesicht, völlig ungestyltem langen Haar und ihrem

       langen, dunkelgrün flatternden Rock über kräftigen Schuhen. Außerdem frage ich

       mich, was es mit den drei Schildern auf sich hat, die sie kopfunter an den Stöcken

       mit sich führt.

 

       "Hi. Sagen Sie, sind Ihre Schilder kaputt gegangen oder brauchen Sie eine

        Tragepause? Soll ich helfen?"

 

        "Danke. Nein, die sind in Ordnung, aber bei so starkem Wind wie jetzt klappt

        es nicht."

 

        Der Wind war inzwischen wirklich aufgefrischt.

                      

        "Darf ich sie mal lesen?"

 

        "Natürlich. Von mir ist nur das eine. Ich war aber gar nicht so zufrieden. Es

        ist vielleicht zu aggressiv. Die die anderen Schilder gemacht haben, habe ich

        aus den Augen verloren, und suche sie gerade. Sie wollten was Alkoholisches

        kaufen gehen und haben sich dafür aufgeteilt. Ziemlich unsicher, dass ich die

        wiederfinde,wenn alkoholische Getränke im Spiel sind!"

 

Ihr Slogan, auf Englisch, ist meinem Empfinden nach gar nicht sonderlich aggressiv. In Dunkellila ist er schwungvoll aufgepinselt. Die anderen beiden gehören zum Typus sophisticated English (siehe oben).

 

Ich nehme ihr die Schilder - Dreieinigkeit ab. Sie bedankt sich, denn sie friert an den Händen, trotz (fingerloser) buntgestrickter Handschuhe.

 

So kamen wir ins Gespräch, das über die restliche Chaussestraße fortlief und dann links in die Oranienburgerstraße abbog, undsoweiter, also über eine größere Strecke andauerte.Die junge Frau lebte seit über zehn Jahren in Berlin, wohin sie aus einem Dorf gewechselt war.

 

Sie sei vor allem in der Umweltbewegung aktiv, und daraus ergebe es sich auch, auf eine Frauendemo zu kommen, die Themen überschnitten sich ja. Im Augenblick habe sie viel zu tun; ich würde sagen, sie hatte eine Menge zu bewältigen.

 

Wegen der Umwelt habe sie ihren Job gewechselt, da sie sich mit dem früheren nicht mehr identifizieren konnte. Ihr Freundeskreis habe sich auch ziemlich verändert. Es sei für sie einfach zu anstrengend geworden, sich immer und immer wieder erklären zu müssen, warum sie eben kein Fleisch und überhaupt nichts vom Tier mehr isst, sondern vegan lebt. Und in fröhliche Gespräche (naive, könnte man sagen, oder ignorante) über den letzten Urlaub und den kommenden, in den man kurz mal hinfliegen würde, hat sie auch nicht mehr einstimmen können. Dieser Umbruch in ihrem Leben ist anstrengend, sagt sie. Eigentlich möchte sie immer mit allen verbunden sein und bleiben, aber das schaffe man nicht, es funktioniere nicht. Auch zuhause nicht.

 

Wir haben einander inzwischen mit Vornamen vorgestellt und duzen uns. Ich nenne sie hier Elke.

 

"Wird deine Haltung zuhause nicht verstanden? Nicht akzeptiert?", frage ich.

 

"Also, von meiner Mutter schon, und von meiner Schwester. Meine Schwester ist Vegetarierin. Aber mein Vater lehnt das alles ab."

 

"Oh, das ist bestimmt nicht leicht für dich. Auch wenn sich wahrscheinlich jede:r zumindest manchmal gegen seine Eltern stellen muss, zwangsläufig, weil es wahrscheinlich dazu gehört." (Zum Erwachsenwerden, denke ich noch bei mir.)

 

"Ja ... Aber auch mit den ganzen Rollenbildern, da bin ich mir manchmal so unsicher. Meine Großmutter sagt klipp und klar: Das und das gehört doch zu einem Mädchen. Das und das ist wichtig für eine Frau!

 

Sie möchte nicht davon abgehen. Ich zum Beispiel bin ziemlich unordentlich. Das sollte eine Frau nicht sein, meint sie."

 

Ich widerspreche ihrer Großmutter bzw. versuche die Fragen von Ordentlich- oder Unordentlichsein - mit denen ich mich recht gut auskenne - vom Geschlecht abzukoppeln.

 

Von einem Freund ist übrigens die ganze Zeit bei Elke nicht die Rede. Ich glaube kaum, dass sie aktuell einen hat, auch keine Freundin. Sie hätte sonst wahrscheinlich von vergleichbaren Konflikten oder eben von Harmonie in ihrer Beziehung gesprochen.

 

Meine mütterlichen Gefühle sind geweckt worden.

 

"Am besten, du überforderst dich nicht, mit diesem großen Umbruch", sage ich zu Elke. "Mach es dir auch schön, take care of yourself. Du kannst zum Beispiel möglichst leckere vegane Sachen essen; und mach es dir auch mal richtig gemütlich! Verstehst du?"

 

Sie nickt.

 

Etwas später fragt sie: "Kannst du die Schilder denn noch tragen?"

"Kein Problem."

        "Vielen Dank." 

 

        Sie hat nämlich immer noch kalte Hände und überlegt, nach Hause zu gehen - noch

        vor Erreichen des Alexanderplatzes.

 

Und ich sollte innerhalb der nächsten Viertelstunde einmal aufs Klo gehen. "Ich versuch's in diesem 'Subway' da vorne. Ich peile mal die Lage." Sie hat auch schon daran gedacht, warte aber gerne, nimmt die Schilder wieder.

 

Die Schlange drinnen zieht sich durch fast ein Drittel des Verkaufraums. Zum Glück ist die Stimmung aber auf allen Seiten friedlich.

 

Zur Sicherheit gehe ich erst noch einmal hinaus. Elke lässt den Demozug an sich vorbeiziehen; sie hält noch einmal nach ihren Freund:innen Ausschau.

 

"Ich wollte dir Bescheid sagen - das wird dauern."

"Ach, vielleicht bin ich dann nach Hause gegangen. Die anderen finde ich nicht mehr."

 

Wir verabschieden uns mit einer Umarmung.

 

"Pass gut auf dich auf,versprochen?"

Sie lächelt irgendwie dankbar. "Ja. Auch für dich alles Gute!"

 

Als ich nach zwanzig Minuten aus dem wohltätigen "Subway" herauskam, war Elke wirklich weg. Auch die Schilder hatte sie mitgenommen, genauso gewissenhaft, wie es mit Sicherheit ihre Art war.

 

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