Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Im Podcast: Literarische Frauen Geschichten 

 https://www.dropbox.com/sh/wl0z34zh78riesd/AADq5NTWoUWJaXewvl7nKwf0a?dl=0

* Edithas Affaire (2018)

    Meine Mama traf sich manchmal mit Albert. Albert Schüdel. Er kam zu uns nachhause. Die Treffen waren ein bisschen geheim.

    Nicht so geheim wie ein echter Geheimbrief oder wie das, was in einem Tagebuch mit einem Schloss steht. Aber eben teilweise

    heimlich.

    Die ganze Kurzgeschichte zu hören  dauert  16' 14'' .

 

  * Kein Grund zur Sorge (2019)

   Der Straßenbeton einer Auffahrt am Rand des Parks stürzt ihrem Gesicht entgegen. Die Erwartung des Aufpralls und der Aufprall

   erfolgen fast gleichzeitig.

   Der Beton schlägt gegen Stirn und Wangen, wo es rauh aufbrennt, besonders rechts, und sie liegt am Boden ...  

  Die ganze Kurzgeschichte zu hören dauert 13' 13 '' .

 

  * Augensalbe  (2019)

   ...  Stellenweise gleitet mein Bericht leider ein bisschen ins Medizinische ab. Ich war in meine ersten Beruf MTA, das schlägt 

     manchmal durch. Dafür verbringe ich im Verlauf dieser Geschichte aber auch eine interessante und sehr sehr unterhaltsame

    Viertelstunde in einer Apotheke. Dort, wo ich Amaal begegnet bin.

    Die ganze Kurzgeschichte zu hören dauert 24' 23 '' .

    © Janne Bender 2021. Veröffentlicht in meiner Dropbox über www.pandaartfactory.de. All Rights Reserved.

 K. (86) ruft an.

 Ich habe mich vor 10 oder 13 Minuten zu einer Art Mittagsruhe hingelegt (flach, geschlossene Augen) und versuche gleichzeitig, mit einem heizungewärmten Tuch auf der Körpervorderseite unter der Decke meinen Bronchien und meiner Leber etwas Gutes zu tun. Es war sehr angenehm. Jetzt hat die Wärme etwas nachgelassen. B., der mir so lieb erst das Essen und dann diesen Wärmewickel gebracht hatte, hat sich auch zurückgezogen. Ich solle mich aber melden, wenn ich etwas brauchte.

Das Telefon klingelt im Arbeitszimmer. B. geht dran und sagt in der Türe mit fragendem Gesichtsausdruck: "K." Ich nicke und denke, dass man einem alten Menschen entgegenkommen sollte, auch wenn das Timing gerade nicht optimal ist. Außerdem ist K. ein geschätzter guter Freund.

Ohne Begrüßung legt K. sofort los:

"Du, nur eine Sekunde. Hast du heute morgen um 10 angerufen?"

Ich: "Nein."

K.: " Ich hab mich nämlich wahnsinnig geärgert. Das Telefon hat mich aus dem Tiefschlaf gerissen. Ich habe ja diese Schlafapnöe ..."

(Ich sage nicht, dass ich das weiß und auch weiß, dass er erst gegen 13 Uhr ansprechbar ist. )

"... das weiß ja jeder von meinen Bekannten..."

(Genau.)

"Eine Frauenstimme sagte: 'Mir reicht 's!' und hat aufgelegt."

J: "Na so was!"

K: "Ich habe heute alle Freunde durchtelefoniert, du bist jetzt die letzte. Keiner war's. Keiner hatte morgens angerufen."

J: " Das wäre ja auch sehr ungewöhnlich und blöd. Es gab doch keinen Streit, oder?"

K: "Nee. Einfach seinen Namen am Telefon nicht zu nennen!! Vielleicht war es auch die Hausverwaltung."

J: "Die Hausverwaltung? Das wäre aber noch ungewöhnlicher. Du, es gibt leicht mal einen fehlgeleiteten Anruf. Jemand hat sich verwählt oder jemand ruft irgendeine Nummer an. Das habe ich selbst schon öfter erlebt. Ich würde mir keine weiteren Gedanken machen."

K: "Ja, da hast du wahrscheinlich recht. Aber mich mitten aus dem Tiefschlaf zu reißen! Natürlich konnte ich nicht wieder einschlafen.
Ich bin so sauer."

Ich kann mich nicht zurückhalten und antworte: "Ja, sowas passiert leider.... Übrigens habe ich selbst aktuell einen Mittagsschlaf abgehalten, als du anriefst."

K: "Und dann hatte ich heute Badetag und - sei mir nicht böse - jetzt machen wir lieber Schluss. Ich habe plötzlich auch noch starke Kopfschmerzen. Ein andermal wieder."

Wir wünschen einander alles Gute.

"Wir hören."
................

 Getreu einer wahren Begebenheit im Dezember 2020.

© Janne Bender auf www.pandaartfactory.de (2020)                                                                                                                                                                                                                                   

 

  Outtake

 

Kreuzberger Krähen

 

Zurück zum Moment.In diesem Augenblick lässt sich eine Nebelkrähe auf einem Kabelkasten nieder, der, inzwischen mit durch Buschwerk halb verdeckten Werbeschildern bestückt, auf dem Bürgersteig auf Höhe unseres Hauses[…] steht. Man kann auch sagen, dass er sich an der östlichen Endhaltestelle der Buslinie M19 befindet, von der ihn nur noch ein schmaler Fahrradweg trennt. Von dort tritt der Bus alle zehn Minuten – oft allerdings mit ein- bis dreiminütiger Verspätung für eine längere Pause des Fahrers - den Weg zurück in Richtung City West und Grunewald an. (Die Pause holt er dann wieder auf, ärgerlich für die wartenden Fahrgäste an den folgenden zwei Haltestellen ist es aber doch, vor allem bei Affenhitze oder an einem feuchtkalten Wintertag.)

 

Auf dem grauen Kasten hat die Krähe eine Restportion gebratener Nudeln in offener Asia-Box ausgemacht, in die sie nun mit heftigen Kopfbewegungen hineinpickt. Vermutlich hat jemand das Gebinde dort abgestellt, weil er oder sie in den Bus einsteigen wollte und, da von auswärts kommend, zu Unrecht befürchtete, dass der Zutritt einer Person mit angebrochenem Fast Food versagt werden könnte. Oder der rasch Fast - Nudeln essende Mensch hatte auf seinem Weg Richtung Neukölln vom Imbiss auf der anderen Seite des Mehringdamms aus – wo sich auch das besser bekannte Curry36 und, weltberühmt, Mustafas Gemüsekebab befinden – dieser Mensch hatte also vielleicht seinen Hunger bereits kurz hinter der Kreuzung als gestillt empfunden und, da er einen orangefarbenen Abfallkorb bereits passiert hatte, die Box in bequemer Reichweite im Vorübergehen abgestellt. Der Krähe waren solche Überlegungen nach dem woher und warum, weshalb, weshalb nicht anders, also nach der Quelle und den Implikationen des von ihr vorgefundenen Futters mit Sicherheit fremd und völlig wurscht, denn Krähen sind naturgemäß brutal zielstrebig und konkret bei der Nahrungssuche und Nahrungsaufnahme. Dies rückt sie, wenn die etwas launige Überlegung erlaubt ist, wiederum in eine seltsame Nähe zu den Fast Food - Verzehrer:innen, in eine mentale Artverwandtschaft. Im Hinblick auf Ressourcenschonung, Kreislaufwirtschaft, ökologischen Krallenabdruck sind die schwarz-grauen Vögel mit ihrer Form der Resteverwertung uns urbanen Fressern aber weit überlegen. Ja, wackere Raben, als Aasvögel macht ihr euch nützlich, wie Aasgeier, die über unseren Currywurstleichen in brauner Sauce und Pommes weiß – blutrot Schnitzen wachen! Durch euren Einsatz haltet ihr uns eine Menge zusätzlicher Ratten vom Leibe, welche euchseidank einfach nicht mehr so viel zu fressen vorfinden. Dass diese Vögel im Hinblick auf den Verpackungsmüll - also Pommes–Schalen mit kleinen Plastikgabeln, Pizzaschachteln, dünne weiße oder orangefarbene Plastiktragetüten usf., dass die Aasfresser nicht auch noch der BSR und den überforderten Mitarbeiter:innen des Ordnungsamtes Arbeit abnehmen, kann man ihnen nicht ankreiden.

 

Auch jetzt bleibt die Verpackungsbox übrig. Zwischendurch wurde sie, absichtlich oder unabsichtlich, vom schmalen ehemaligen Kabelkasten gestoßen und auf dem Bürgersteig zu Ende ausgepickt und jetzt – jetzt hebt die – sag ich mal - Corvide vom Boden ab. Sie braucht Sicherheit und einen neuen Überblick und ja, beides findet sie nicht auf einer Erhebung im Schilderwald und Pfostengewirr an der Kreuzung Mehringdamm – Gneisenaustraße inmitten des heftigen Verkehrslärms, sondern, etwas abgesetzt, am Haus auf dem […] Schild! Wo auch sonst!

 

Sie haben schon geahnt, dass es so kommen würde. Aber wirklich, ich bin mir sicher, als Krähe hätten Sie diesen Aussichtspunkt auch gewählt, ich jedenfalls hätte es garantiert getan.

 

Nun beginnt sie laut zu krächzen. Sie ruft ein paar Mal hintereinander in Richtung Yorckstraße (hatte also während des kurzen Anflugs sogar einen Bogen beschrieben)und, wer's weiß, in Richtung Rathaus Kreuzberg. Krah Krah Krah Krah Krah. Nach kurzer Pause wiederholt sie die Sequenz, unermüdlich und penetrant im Sinne von durchdringend: Krah Krah Krah Krah Krah! Gerne würde ich die Botschaft verstehen, welche Intention, an wen gerichtet, oder vielleicht drückt sich der Vogel nur selbst aus? Einige Male habe ich solchem Krächzenschon ausgiebig zugehört,

es gibt ja inzwischen viel Gelegenheit dazu; und ja, man wüsste gerne mehr über den Gesang, jedoch habe ich es bisher nicht geschafft, die entsprechenden ornithologischen Expertisen zu studieren. Nur wenige Kreuzberger:innen und Nicht-Kreuzberger:innen mögen diese Tiere, scheint mir, aber ich gehöre offenbar dazu; die meisten finden sie ziemlich abstoßend. Öffentliches Interesse ist trotzdem vorhanden, wovon Videos von Stadt- und Landkrähen auf YouTube zeugen. All die Krähen auf Autodächern, bevor sie die Windschutzscheibe runterrutschen, Krähen, die mit harten Schnäbeln Pizzastücke einer zuvor verschlossenen Pappschachtel entnehmen (hack, hack!) krächzend vorbeistolzierende Krähen, die an einem Geschäft anhalten, als wollten sie dort einen Einkauf tätigen, oder solche, die sich, steif und mühsam beherrscht, auf Restaurant-Tischen bereithalten, um dann aufzufliegen und sich mit einem Stück Baguette in den Krallen abzusetzen; schließlich Krähen, die, à la Hitchcock, Menschen attackieren. Sogar kurze vogelkundliche Krähenvideos mit Krächzen, aber ohne dramatische Handlung oder funny content werden auf YouTube hochgeladen oder längere Erklärvideos zur Unterscheidung der Arten. Würden Sie eines von mir finden, wäre es wahrscheinlich nichts von alledem, aber ich habe meinen account vor ein paar Monaten gelöscht. Auf dem Video würden Sie einfach eine Krähe, zum Beispiel auf einem Straßenschild, sehen und krächzen hören; in Echtzeit, bis zum Abflug der Krähe. So ein Video, wäre es eingestellt, würde bestimmt nur sieben, acht Mal angeklickt und null Mal geliked.

 

 

Dabei ist die krächzende Nebelkrähe auf dem […] Schild wunderbar und auch ein bisschen unheimlich. Kaum mag ich meine Augen und Ohren von ihr abwenden.

ZEITMESSUNG (2018)

(leider nichts für Physiker)

(leider nichts für Uhren-und-Schmuck-Geschäfte)

 

Die Zeit Der Wecker war stehengeblieben.

Zunächst unbemerkt erst später bemerkt und absolut unauffindbar war auch ein winziges Rädchen abgefallen. Um Den Wecker Die Zeit wieder in Gang zu setzen bekam Der Wecker eine neue Batterie. Sofort begann Der Sekundenzeiger ruckartig voranzueilen. Es war 11 Uhr 2, am Tag, denn von draußen schien die Sonne herein, bald 11 Uhr 3. Diese Zeit war falsch. Dieser Wecker zeigte nur noch Das Vergehen Der Zeit. Dieser Wecker ließ sich nicht mehr verstellen bzw. war verstellt. Die Zeitangabe: vielleicht für immer unbrauchbar. Die Weckzeit: unzuverlässig. Der Wecker immer noch hübsch. Eine Reparatur Des Weckers gewiss zu teuer oder nicht möglich. Das Handy nach wie vor funktionstüchtig. Das Angebot Der Zeit nicht auf sie zu achten zu großzügig.

 

--> -->   IM CAFÉ    (2018)

 Der Text „Zeitmessung“ war dem Gegenüber, das sich interessiert gezeigt hatte, gerade zur Begutachtung vorgelesen worden. Mit mäßigem Erfolg, wie sich zeigen wird.

 

Aha … Najaaa … Sagen Sie aber, worauf wollen Sie denn eigentlich hinaus? Geht es Ihnen um das unerbittliche Vergehen der Zeit? Oder um deren Messbarkeit? Das verstehe ich nicht.

 

Also ich denke, der Schlusssatz gibt in dieser Hinsicht doch recht deutliche Signale.

 

Finden Sie?

 

(Schweigen.)

 

Nein, wirklich, aus dem Gesamttext geht keine klare Aussage hervor, Schlusssatz hin oder her.

 

(Kleinlaut) Naja, ich dachte an dieses Unvermögen, seine Zeit zu verbringen, ohne ständig auf die Zeit zu achten. Mit anderen Worten, wir versuchen nicht einmal eine Zeitlang ohne Uhren als ständige – eh – Begleiter oder Mahner auszukommen. (Sicherer) Unsere Tage sind durchgetaktet. Die Terminkalender voll, alles für mindestens einen Monat durchgeplant. (Ereifert sich.) Wir räumen dem Treffen mit einem alten Freund, einer alten Freundin vielleicht gerade mal 90, vielleicht 180 Minuten ein. 180 Minuten, das ist schon wie ein Film mit Überlänge. Entsprechend teuer! Zeit ist ja Geld … ich weiß, eine abgedroschene Formulierung. Auch sonst soll fast alles in einer bestimmten, knapp bemessenen Zeit erledigt werden und die Beschleunigung im modernen Leben …

 

(Unterbricht) Können Sie sich bitte etwas kürzer fassen?

 

Ja, natürlich. Nur noch zwei, drei Punkte. Da wird von einem 'Zeitfenster' von drei Tagen gesprochen!' Wie ich diesen Ausdruck hasse. (Leert ihren Espresso und trinkt einen guten Schluck Wasser hinterher. Mit ewas Stolz:) Dabei wird seit den Anfängen der Philosphie darüber nachgedacht, was Zeit überhaupt ist! Platon, Aristoteles, Newton, Meister Eckart - natürlich vor Newton - , Ernst Mach – kennen Sie den? und so fort. (dozierend) Eine wesentliche Frage ist, also die Kernfrage dabei ist, ob Zeit außerhalb unseres Bewusstseins existiert. Ich denke eigentlich, nein, aber ich bin mir natürlich nicht sicher. Im Text, um noch einmal k u r z darauf zurückzukommen, wird die Frage aufgeworfen, … gut, angedeutet, warum wir die Zeit nicht einfach „laufen“ lassen. (pathetisch) Ja, warum können wir das Diktat der Zeit nicht außer Kraft setzen? Warum können wir das erstickende Zeitkorsett nicht ablegen, wenigstens gelegentlich, wenigstens für eine Weile?! (holt Luft)

 

(Übergeht großzügig die gewagte Metapher) Dann schreiben Sie all diese philosophischen Dinge doch in den Text hinein, anstatt hier zu improvisieren.

 

(Wehrt sich) Ich wollte definitiv keine philosophische Abhandlung schreiben.

 

(Höhnisch) Offensichtlich nicht. Das ist Ihnen gelungen – ich meine, keine philosophische Abhandlung zu schreiben.

 

(Gekränkte Pause.)

 

Wie stellen Sie sich das eigentlich überhaupt vor? Eine W e i l e dem Diktat der Zeit entkommen? Wie lange würden Sie denn gerne die Zeit laufen lassen – ein paar Stunden, drei Tage? Ein verlängertes Wochenende? Einige Jahre, als Aussteigerin in Spanien?

 

Wieso Spanien?

 

Das war ja nur ein Beispiel. Beispiele würden Ihrem Text guttun. (Lenkt aus unbekannten Gründen ein) Aber das Thema ist wirklich sehr komplex. Ein Denkanstoß geht von Ihrem kleinen Werk auf jeden Fall aus. Auch irgendwie rhythmisch, das Ganze, und originell.

 

Danke. (Pause. Trinkt wieder etwas Wasser und geht zu selbstkritischen Äußerungen über.) Ich muss sagen, ich selbst vermisse ein Stück Ernsthaftigkeit in meinen Zeilen. „Das Angebot Der Zeit nicht auf sie zu achten zu großzügig“ . Der Einfall ist mehr kokett als tiefgründig. Von einem lächerlichen abgefallenen Schräubchen an einem Wecker kann man in den folgenden zehn Sätzen wohl kaum zu etwas Tieferem vordringen.

 

12.

 

Wie meinen Sie das, „12“?

 

12 Sätze. Der Feststellung, dass ein winziges Rädchen unauffindbar abgefallen ist, folgen bei Ihnen 12 Sätze, nicht 10. Den Schlusssatz habe ich natürlich mitgerechnet.

 

Sie haben während des Vorlesens die Sätze gezählt?!

 

Die Anzahl einfach so erfasst, würde ich sagen. Liegt in der Familie. Unwillkürliches unbewusstes Zählen. Eine Art Gendefekt! (Lacht. Klappt sein Tablet auf.)

 

Gut, dann gehe ich mal rein und zahle. Die Zeit verfliegt so schnell, wenn man ein tendenziell kontroverses Gespräch führt.

 

Exakt. Ich bleibe noch ein bisschen. Wissen Sie, ich sammle gerne Redewendungen und erfinde Wortspiele. „Sie sind immer noch zeitlos schön, Werteste.“ „Und Sie wirken wie aus der Zeit gefallen, aber das gefällt mir! “ Solche Sachen.

 

Als sie noch einmal zum Tisch zurückkam, machte er einen geistesabwesenden Eindruck. Er war intensiv damit beschäftigt, allerhand in das Tablet zu tippen. Dabei murmelte er gleichzeitig vor sich hin und lachte glucksend, wenn es ihm besonders gefiel:

 

„Herbst Zeit Lose“ … „Kommt Zeit kommt Rad; mit 'd' “ … „Der Wecker geht mir auf den Zeiger“.

 

Sie verzog sich möglichst leise. Zuhause wollte sie einen neuen Text versuchen, ein Gedicht.

Der Anfang stand schon fest:

 

                                                                        Die Uhr im Kopf läuft

                                                                                    Ungerührt

 

Walking through PARK AM GLEISDREIECK (2018, 2019.)

 

10 – Wort – Gedichte

  

AUSWAHL (10) AUS DEN PARKGEDICHTEN (150)IN CHRONOLOGISCHER REIHENFOLGE

 

1 15.6.2018

 Befürchtung:

 Eines Tages

könnten die Parkkaninchen

zur Plage

erklärt werden.

 

15.6.

Drei Kleidungsstücke

Trocknen überm Zaun.

 Vor der Schlafbank

 Säuberlich ausgelegt.

 

6 15.6.

 Junge braunfellige Kaninchen

hoppeln,

jagen sich

im Rundlauf.

 Eines mümmelt.

 

 

7 23.6.

Zarte

rosa

dunkelrosa

lilafarbene Rosenblüten

hängen

über den Zaun.

Regenschwer.

 

15 30.6.

Am Samstag Vormittag

wird

Sport getrieben:

Zirkeltraining

Yoga

Trampolinspringen

Rollern

 

41 8.8.

Realistisch

 

Wissenschaftler*innen erwarten

eine HEISS-

Zeit.

Das Wort brennt

sich ein.

 

60 14.9.

 Schmalblättrige

 Doppelsame.

 Der Gattung Diplotaxis

 Tennifolia.

 Stinkraute,

 wilde Raute,

 

du!

 

 97 23.2.

 Gemächlich

 Ich

 lasse nacheinander

 passieren

ICE

Regio

ODEG

S – BAHN

JOGGERIN-UND-HUND

 

137 18.4.

 Abkürzungsverbot

 

Beim Laufen

 die öden Weg

 aushalten.

 

Die kurzweiligen

 auskosten.

 

 139 22.4. [zum 20.4.] „Diplon“ (für ein Gedicht

                       aus zwei 10-Wort-Einheiten)

Bus stoppt -

 Polizeisperre Yorckstraße.

 

Wir Fahrgäste gehen zu

Fuß weiter.

 

 Bald

 der verhasste Geruch

 

 Rauch: eher wenig;

aufsteigend parkseitig links

 

_______

Mit einem "Endekaton“ (einem Gedicht aus elf Einheiten / hier à 10 Wörtern) wurde das von Juni 2018 bis Mai 2019 währende Projekt abgeschlossen. Während dieser Zeit haben sich der Park, meine Wahrnehmung des Parks, ich selbst wahrscheinlich verändert. Die Kurzgedichte sind jeweils nach zahlreichen Parkbesuchen – mit dem primären Ziel sportlicher Ertüchtigung - entstanden. Ungeplant führte das abschließende Gedicht zum Motiv des ersten zurück.

 

 

Kleiner Handschuh  (2020)

Zwei Gedichte zu  einem  Motiv

 

I

Leicht wippt er am Zweig

des Winterstrauchs

im Wind, der heute etwas schärfer weht.

 

Seitlich am Hang

zur Straße hin

bewegt sich die seltsame Blüte auf und ab.

 

Kleiner gelb-blauer Handschuh

am Winterstrauch

Erinnerst mich an den Frühling!

 

II

 

leicht wippt er am zweig

des winterstrauchs

im wind, der heute etwas schärfer weht.

 

seitlich am hang

zur straße hin

bewegt sich die seltsame blüte auf und ab -

 

ich sehe

 

ein kind hatte dich verloren

den fund hat jemand auf die spitze

des zweiges aufgesteckt

 

ich denke

vielleicht lächelte der mensch selbst

über diese originelle blüte

 

ich überlege

vielleicht hat eine mutter

 der ein vater

 den fremden kinderhandschuh auf bitten des eigenen

 kindes auf den zweig gesteckt, der sich am hang

 

zur straße beugt

 

als sie zusammen vorbeikamen und

 ihn auf dem weg liegen sahen.

 

(denn es ist eine kindlich-spielerische anordnung.)

 

dann freute sich das kind vielleicht über seine

praktische idee

und war zuversichtlich, dass /

 oder es fragte besorgt, ob

 

das kind, das den handschuh verloren

 hatte, ihn denn dort sehen und wiederfinden würde?

 

dann antwortete die mutter oder der vater vielleicht,

dass die chancen auf jeden fall gut stehen.

Denn herausgehoben wippt der

gelb-blaue handschuh am winterzweig.

 

du erfreust mich,

kleiner handschuh, heitere blüte!

 

machst mir ein winterlächeln

 

lässt mich an den letzten frühling denken, als dieser strauch blühte,

und an einen kommenden

 

© www.pandaartfactory.de

                 [Aus der Reihe: Corona - Walks]  Gedichte

  

   18.03.2020 

    Berauschen wir uns weiter

                                an get-togethers im Park

 

    droht

                                 Ausgangssperre.

  

   

  29.04.2020

      

                         Ende April 2020

 

 Die Kreuzberger Wiese

   ist angeschlagen.                               

 

 Durch die Trockenheit

 dürrer Jahre

   

 Im Stress der Coronazeit.
 

 Einander ausweichend

                                 trampeln wir sie herunter

 

      neben der Spur.

                          

                                   Nicht flächendeckend

     dauerhaft kann

                                 

 gesprengt,

    gewässert werden.

 

 Ach,

   ganz räudig siehst du nun aus

   vielerorts!

 

   Es erscheinen daher

 vor meinem inneren Auge)

 

 magere Hunde

  in räudig geflecktem Fell

   und in großer Zahl.

 

 Rastlos unermüdlich suchen sie

    an den Rändern nach

    Essbarem

 

     während die anderen

     brav an der Leine laufen

 

    oder fröhlich

 

 in der grünen Mitte tollen

                                                      

           © Janne Bender Corona - Walks (2020). All Rights Reserved.  

           

                           [Corona – Walks] 20.05.2020            
                        
                        Siehe auch  -->  Photography "Im  Desinfektionsspender"
                     
                      Wonderland
Heruntergebeugt zum Desinfektionsspender siehst du dein längsgewölbtes Spiegelbild. Aber du wirst den Ort nicht betreten. Es ist zu früh. Wenn es dreizehn Uhr wäre, könntest du eintreten, oder es zumindest erwägen.
Hinter dem Zaun wird ein kleines Silberfass in Position gerollt.
Zwischen hell gebeizten Bretterquadern - Betreten auf eigene Gefahr - richten Angestellte schwarz gekleidet oder hinter einer weißen Halbschürze den Ort her.
Die schwarz – weiß gekleideten Angestellten wandern auf bestimmten Wegen nach gewissen peniblen Abläufen, um den Ort zu richten. In vermessenen Zwischenräumen darf sich jetzt und später keine Angst einnisten. Falls Angst da war oder falls Angst kommen wird, findet sie hier keinen Platz, ebenso wenig wie ihr Zwillingspärchen, Mrs Leichtsinn und Mr Sunshine. Ganz anders als beider Gegnerinnen, die schmallippigen Vorsichten, die unsichtbar neben den Bretterquadern und dürren Tischen in Stellung gehen werden. Dies alles zu ermöglichen ist die Aufgabe der vielleicht kurz, aber korrekt und bündig arbeitenden Angestellten.
Alles wird bereit sein zu Begrüßung Einweisung zum Empfang der ersten Gäste, das ist mit Haut und Haar sicher, und ich will eben auf die Uhr schauen ---

Da! Ein Kaninchen hoppelt eilig von links nach rechts durch die Szenerie.

 

Dann gibt es auch Gärtner, denke ich. Dann kommt auch die Königin der Herzkarten. Und wer verliert seinen Kopf?

 

Jedoch, im Unterschied zu dem Weißen Kaninchen ist dieses Kaninchen braun; ist ein Croquet – Spiel mit Flamingos nicht zu erwarten; träumt Alice nicht; ist die Eile des Kaninchens anders motiviert, ist es

 

leibhaftig auf der Flucht.

                    

Die Sonne tönte nach alter Weise / In Brudersphären Wettgesang / Und ihre vorgeschriebne Reise /

Vollendete sie mit Donnerklang /

nach : Johann Wolfgang Goethe, Faust I, Prolog im Himmel

 

Die Uhr im Kopf läuft

Ungerührt

Hilft dieses auf den Punkt vollenden und jenes zu tun

oder zu lassen angesichts der fortschreitenden Zeit

 

Vielleicht bekomme ich den gelben Bus noch

Wie gut, dass ich nur selten eine farbenfrohe Verabredung verpasse!

 

Die Uhr im Kopf läuft

Ungerührt

Hilft dieses auf den Punkt vollenden und jenes zu tun

oder manchmal zu lassen angesichts der fortgeschrittenen Zeit

 

Im Stau werden unzählige Autos zum Stillstand gebracht

(doch wurden die Fahrer immerhin vorgewarnt).

 

Gestern war die Luft schlechter.

 

Die Uhr im Kopf läuft

Ungerührt

Hilft dieses zu tun und trotzdem jenes nicht zu

lassen angesichts der fortschreitenden Zeit.

 

Mit Sekundenbruchteilen setzen sich die Läufer*innen von früheren Siegen ab.

 

Entschleunigen!

 

So lautet die Beschwörung im Achtsamkeitskurs.

 

Zeitnah kommen die Nachrichten herein und

immer zeitnäher, wäre diese Steigerung grammatikalisch korrekt.

 

Wir erfahren, dass in Mahnwachen auch heute des Moments gedacht wird, als

ein abbiegender LKW den Fahrradfahrer tötete.

Wann endlich wird das Problem der gleichzeitigen Grünschaltung von Ampeln

gelöst? Wahre Trauer und wahren Zorn erkenne ich in den Gesichtern der Mahnenden.

 

In Chemnitz haben sich die Dinge rasant zum kaum Geahnten Schlechteren entwickelt

Es setzte meine Kopfuhr einen Herzschlag aus.

 

Für unsere Chronometer könnte bald durchgängig Sommer- oder Winterzeit gelten,

so dass der Biorhythmus nicht mehr aus dem Takt gerät.

 

Bisher ist das jedoch nur

Zukunftsmusik

 

Sowieso aber-

Offen gesprochen:

Ein Fliegenschiss! (In facie aeternum.)

 

Man stelle sich dagegen vor:

 

Nach dem Unfall im Hambacher Wald

 

Die pietätvolle Pause

nachhaltig verlängert

 

Die Rodung gestoppt

 

Vereinbarte Zukunft abgewartet.

 

Baum über Baum wird fallen

 

dem Kohlegeschäft

nicht vorhandene Zeit herausschindend

 

Schweres Gerät ist im Einsatz und

kein Moratorium weit und breit zu sehen.

 

Die Uhr im Kopf läuft

Unerbittlich

 

Und mögen auch die Welten des Universums einem höheren Plan folgen

und in Äonen rechnen

Wir schossen uns schon längst in die Umlaufbahn geeigneter Planeten; ja und

 

mit den ersten Menschen betraten auch Uhren die unendlichen Weiten des Alls. Aus Sicherheitsgründen tragen Astronauten immer auch eine Armbanduhr.

 

Ich möchte noch sagen:

 

Bald werde ich mit dem Zug zu P. und C. nach Wien fahren.

Die Vorfreude wird über zehn Stunden dauern

Es hüpft und singt dann Mein Herz!

 

Mit Lust so will ich singen / Mein Herz freut sich inn Gott / Der mir viel Kunst thut bringen, / Dasz ich entrinn dem Tod / Der ewiglich nimmet kein End. / Ich preiz dich Christ vom Himmel, / Der mir mein Kummer wend.

 

Auch liebe ich meine Fuchsie,

die über die Jahre unermüdlich Blüten hervorgebracht hat.

Ein Geschenk von dir

heute erst an einem Bambusstab hochgebunden.

 

Wenn die Blüten fallen,

sammle ich sie in meine Hand.

 

So kann es weitergehen.

 

Gestehen muss ich aber auch

ein Gebet

 

Mit Pathos zu sprechen oder

Atemlos herausgepresst.

 

Oh mögen bloß

die Unerbittlichen

die grausam bös Verschwisterten

 

Die Kopfuhr

 

Die Uhren draußen ...

 

Oh mach, dass sie nicht

- And This I Pray for from all my Heart ! -

dem einen Tag entgegeneilen

 

Wenn

 

vergleichbar einer Eplosion

 

aus einem fernen / nahen / Nachbar- / Bundesland

von Irgendwo

 

ganz ungeheure Wassermassen, Druck- und Schallwellen

sozusagen

heranrollen

 

um ungerührt die Gehörgänge zu durchbrechen

sozusagen

 

Während ein blitzendes Licht

sich durch unsere Augen bohrt

 

hinein in die Köpfe bis zu dem Punkt

 

wo alle

 

ALLE

 

Uhren

 

Zerbersten.

 

______

 

Zitate:

www.watchtime.net Zugriff: 26.09.2018

en.m.wikipedia.orgzu Felix Manz; Zugriff: 27.09.2018