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 Der Laden 

von Christoph Reishaus

 

Jutta R., genannt Barbara – das heißt „Die Fremde“ - war nach Scheidung ihrer Ehe wieder auf sich allein gestellt. 43 Jahre alt, ohne Beruf, ohne Anstellung, aber erfüllt von Lebensmut und ausgestattet mit einem kleinen Kapital.

 

Ich will etwas Sinnvolles tun und selbstständig sein!“

Gründe einen Laden!“

Welchen?“

Eine Boutique.“

Keine Lust.“

Ein Kiosk.“

Nein, Zigaretten verkaufe ich nicht.“

Antiquitäten?“

Chancenlos.“

Ein Bioladen!“

Ein Bioladen – das ist eine Idee. Nur – ich habe davon keine Ahnung.“

 

Nach dieser Zündung stürzte sich Barbara in das Abenteuer. Sie suchte ein Ladenlokal, die Lieferanten und ein Team. So trieb es sie eines Tages in die Elberfelder Straße. Die Gegend gefiel ihr. Es war Vormittag, und sie betrat eine Eckkneipe. Am Tresen saßen ein paar Männer.

 

Sie war Berlinerin, geboren in Prenzlauer Berg. Darauf war sie stolz. Leichtfüßig, in geschmeidigen Stiefelchen oder Schuhen mit hohen Absätzen. Ihren Mantel aus Pferdefell nannte sie liebevoll ihren „Räudi“. Mützen trug sie nie, bei der härtesten Kälte aber die passenden Lederhandschuhe. Sie trank gern Calvados und rauchte Camel ohne Filter. Barbara war sehr großzügig und wohnte in einer reizend eingerichteten Wohnung am Lietzensee. Sie liebte alte Sachen, auch musikalisch, also die Comedian Harmonists, die Andrews Sisters, Billie Holliday, Benny Goodman. Sie schminkte sich dezent. Ihr Leben sah sie an wie einen Roman. Mit Männern verstand sie sich gut.

 

Guten Tag. Ich habe eine Frage: Gibt es hier in der Nähe einen leerstehenden Laden?“

Na, da drüben“, kam sofort die Antwort. „Die Drogerie, da tut sich nischt mehr.“

Danke vielmals.“

 

Kurz: Der Laden wurde gemietet. Grundreinigung, Reparaturen, ein Wanddurchbruch, Fliesen verlegen, Dielen abschleifen, Wände streichen, Türen pinseln. Das zog sich hin. Barbara trieb eine alte Holztheke auf, hässlich braun überstrichen. Mit angeschwollenen Fingern kratzte Barbara mit Rasierklingen die Ölfarbe ab. Diese Theke war der Blickfang in dem neuen Laden, der im März 1982 eröffnet wurde.

 

Das Warenangebot war einfach. Aus einer Drogerie war ein Bioladen geworden. In IKEA-Regalen selbst abgepackte und etikettierte Tüten mit Getreide, Flocken, Ölsaaten, Trockenobst, Nüssen. Ein Müsli nach eigenem Rezept.

 

Barbara ging auch sonntags in den Laden. Der Laden ist ihr Kind, wie sie sagte.

 

Dann gab es noch Honig, Nussmuse, Säfte, Vollkornnudeln, Kindernahrung, Milch, Milchprodukte, Vollkornbrot und Kuchen. Und natürlich Obst und Gemüse. Das war damals schwierig, denn West-Berlin hatte kein Hinterland. Brot und Kuchen musste Barbara noch jeden Morgen bei den Biobäckern abholen.

 

Der Laden hieß „Moabiter Flocken“. Das Schaufenster schmückte ein aufgemalter Baum. Das kam an.

 

Die Elberfelder Straße war ein gemütlicher Einkaufskiez. Ein Bioladen war neu und wurde skeptisch aufgenommen. Das wurde aber immer besser. Die Ladentür schlug zur Begrüßung an einen Kranz kleiner Glöckchen, die nicht zu überhören waren. Es roch gut. Ein schöner Laden. Das Gemüse stand gleich vorn am großen Fenster. Im Verkauf arbeiteten junge Frauen aus der Nachbarschaft. Barbara arbeitete lieber im Hintergrund.

 

Der Betrieb war genau organisiert. Jedes Ding hatte seinen Platz, jede Ware eine Karteikarte mit Eingangsdatum, Einkaufspreis, Verkaufspreis. Zum Hof lagen der Büro- und Lagerraum. Ein langer Tisch füpr das tägliche Abpacken, ringsherum Säcke mit allen Getreiden und Getreideflocken, Kartons voll zusammengepresster Trockenfrüchte,. Köstlich. Saftige Weinbeeren, Sultaninen, Aprikosen, Apfelringe, Backpflaumen, Haselnüsse, Paranüsse, Cashewkerne, Man-deln und Walnüsse, Leinsamen, Sesam, Sonnenblumenkerne, Kürbiskerne. Alles in Groß-gebinden. So war das.

 

Der Schreibtisch, die Schaltzentrale. Da lag ihr Kugelschreiber, und wehe, der lag da nicht. Unter der Schreibtischlampe wachte ein kleiner Hase aus weißem Porzellan über das Kassenbuch, das Rechnungsbuch, das Telefon. Da war die Bank, das Konto, das Geld.

 

Für Barbara war der Laden ein Lebewesen. So war sie. Den Laden gibt es heute noch. Er hat einen anderen Namen, aber diese Geschichte. „Der grüne Laden“ am Bundesratsufer, gleich an der Spree, inzwischen umringt von drei Biosupermärkten. Die alte Holztheke steht jetzt noch.

 

© Christoph Reishaus 2020

Zuerst veröffentlicht im Gemeindebrief der Ev. Jesus-Christus-Kirchengemeinde Berlin – Kreuzberg, Februar / März 2020.

Wir danken dem Autor für die Erlaubnis zur Veröffentlichung auf www.pandaartfactory.de (6 / 2020)