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Christoph Reishaus 

Vier Autobiographische Texte / verfasst zwischen 2017 und 2019      

                                Vita      Laudatio

 

I

DIE SONNENSTRASSE

 

Straße des Lebens – das Streben nach Glück, Freundschaft und Freiheit. Der Mut zum Abenteuer. Auf geht ‘s!

Michael und ich gingen in eine Klasse. Er hörte Klassik. Keine Popmusik. Kurzes Haar, markantes Gesicht, Rollkragenpullover, gute Figur, Jackett oder Mantel. Selbstbewusst. Sein Denken war frei von jeder Ideologie. Das konnte er kommunizieren, und er lachte gern. Seine Eltern lebten in Mönchengladbach. Da stand ein Klavier. Frau Söndermann, seine Mutter, machte warmes Abendessen. Ihr Mann lebte friedlich in seiner Musik. Ein Organist. Natürlich übernachtete ich.

 

Am nächsten Tag bei mir zu Hause. Michael war bei mir. 21:00 Uhr. Ich fragte meinen Vater: „Darf der Michael heute in meinem Zimmer schlafen?“ „Nein!“, sagte mein Vater scharf. „Ich dulde keine fremden Menschen unter meinem Dach.“ Ich glaubte es nicht. „Aber ich habe letzte Nacht auch beim Michael zu Hause geschlafen!“ „Damit habe ich nichts zu tun.“

Wir ergriffen zusammen die Flucht. Zum Glück war ich flüssig, denn seit kurzem hatte ich einen Job als Packer bei der Rheinischen Post. Von Freitag abends bis samstags früh. Wir fuhren zum Flughafen Lohausen und verbrachten Stunden im Nachtcafé, schliefen etwas bei sommerlicher Wärme an einer Autobahn. Dann war Schule.

 

Michael und ich wünschten uns eine eigene Bude in Düsseldorf. Der Traum wurde wahr. Das kam so: Ein Typ namens Joachim verkehrte im Schifferstübchen, einer netten Kneipe betrieben von den Eltern meiner Freundin Ursula. Joachim führte am Tresen revolutionäre Reden, trug weiße Sommerhosen, hatte dunklen Teint, lockige Haare und lachte demonstrativ. Er hatte Verbindungen zu linksradikalen Kreisen. Dazu gehörte Helmut, der mit Silvia das Dachgeschoss eines Mietshauses in Düsseldorf-Bilk bewohnte.

Die Sonnenstraße kannte ich nicht. Ein Arbeiterviertel. Es gab irre Kneipen, ein Kino. Es lief Easy Rider.

Joachim, Michael und ich machten den Sprung. Ein großes, ein kleines Zimmer. Dachschrägen, niedrige Decke. Kaltwasser, WC, keine Heizung, keine Küche.

Michael und ich teilten uns das kleine Zimmer. Wir quatschten bis zum Einschlafen. Der Zementboden mit Karton ausgelegt. Draußen Schnee. Ich war glücklich. Am Morgen machten wir uns in letzter Minute am Wasserhahn frisch und fuhren mit der Straßenbahn durch die Innenstadt zur Schule. Ich habe Düsseldorf nie so geliebt.

Natürlich reichte das Geld nicht. Klassenkameraden spendeten Konserven. Der Turnlehrer gab uns mittags vor dem Turnen Geld, um beim Metzger Brötchen und Leberwurst einzukaufen. Die Jungen quälten sich am Barren, die Mädchen schwangen Keulen. Michael und ich durften Stullen essen, weil wir so schlapp waren. Ich fand das großartig, aber Michael wurde das zu wild. Er zog nach Köln zu seiner Freundin. Aus Michael wurde etwas, aus mir nicht. Das Durcheinander, Raus und Rein, Kommen und Gehen in der Sonnenstraße, die tägliche Improvisation waren mir lieber als der tödliche Alltag bei meinem Vater.

 

Die Wohnungstür in der Sonnenstraße war nie abgesperrt. Sie war offen für jeden, Tag und Nacht. Michael vermisste ich sehr. Mit Joachim zusammen dauerte nicht lange. Er kam lärmend und betrunken nachts. Ich hatte geschlafen.

Bitte, sei leiser“, sagte ich. Da trat er voll gegen den Tisch. Alles fiel runter. Ein blöder Spruch. Es war aus. Ich machte nur die Augen zu. Am nächsten Tag war er verschwunden.

Ansgar kam. Ich weiß nicht, wie. Ich schwänzte die Schule, denn er war so interessant. Er besaß nur einen Koffer. Darin war ein Nadelstreifenanzug, der ihm hervorragend stand.Wenn ich eine Bude habe, finde ich auch Arbeit.“ Er war Kartograph, zeigte mir stolz sein Diplom. Aber Arbeit suchte er nicht. Er machte es sich bequem, kochte leckere Spaghetti und sonst baute er Mist. Ich wusste nie, was mich erwartete.

 

Pst. Charly schläft“, sagte Ansgar eines Tages, als ich aus der Schule kam.

Wer ist Charly?

Charly ist heute aus dem Knast entlassen und braucht Ruhe.“

 

Charly schleimte sich ein und beide zahlten keine Miete. Helmut, der Hauptmieter, schluckte das, aber das Ganze ging dem Ende zu.

Komm, Christoph! Trink mit uns.“ Die beiden saßen mittags am Fenster. Die Sonne schien in das vermüllte Zimmer. Auf dem Boden das aufgerissene Paket eines Bremer Versandhandels, der bis heute auf sein Geld wartet. Nürnberger Lebkuchen und Jamaika-Rum.

Charly hat Geburtstag.“ Wir saßen das letzte Mal zusammen. Ich wollte zurück in die Wohnung meines Vaters. Ansgar und Charly hatten nichts, wohin sie hätten gehen können. Sie lachten und tranken, als ob das Leben ein Witz wäre. Der Blick fiel durch das Dachfenster auf die Gleise zum Hauptbahnhof. Irgendwo nicht weit war der Rhein. Der Rum wirkte.

Das Absurde, so lange es friedlich ist, zieht mich in seinen Bann. Ich bin auch nicht normal.

Ich wusste auch nicht, wie es weitergeht. Ansgar und Charly waren keinesfalls langweilig. Die beiden stellten alles in Frage, ein Nihilismus, den ich nicht teilte. Ich war jung und besaß Selbstvertrauen, sonst hatte ich auch nichts. Die Sonne schien weiterhin mittags in das Dachgeschoss.

 

Aber wir waren nicht mehr da.

 

II

GASTFREUNDSCHAFT

 

Nach dem Abitur wusste ich nicht weiter. Die Schule, die Klasse, die Lehrer gaben mir Halt und Struktur. Das war nun vorbei. Zu dieser Zeit lernte ich zufällig einen Franzosen aus Paris kennen, Dominique Leroy. Er faszinierte mich. Dominique sah cool aus, konnte sich bewegen, redete deutsch auf französische Art, sang gerne und spielte dazu Gitarre. Dominique interessierte sich für Kunst, Musik, Theater und seinen ungebundenen Lebensstil. Nach einer kurzen Bohème in der Düsseldorfer Altstadt beschlossen wir im neuen Jahr nach West-Berlin zu ziehen. (Was wir auch taten.)

 

Weihnachten stand bevor. Dominique wollte bei seiner Familie sein, und ich wurde offiziell eingeladen mitzukommen.

 

Paris! Wir kamen mittags am Gare du Nord an. Die Lebendigkeit von Paris ist überwältigend. Mit der Metro ging es zum Gare Saint Lazare, von da aus mit dem Regionalzug nach Bois Colombes. Häuser, Häuser, Häuser.

Bois Colombes ist nett: schmale Straßen, viele Geschäfte, Bistros. In einer stillen Sackgasse lag das beigefarbene Bürgerhaus der Familie Leroy, die Villa de la paix, mit einem grünen Vorgarten. Voilà! Madame Leroy begrüßte uns in der Diele. Dominique gab seiner Mutter Küsschen auf beide Wangen. Dann war ich dran. „C’est Christophe!“, sagte sie strahlend. Ich sollte ihr auch Küsschen geben. Erst eins, dann zwei. Das war das erste, was ich in Frankreich lernte.

Das Haus hatte viele nette kleine Zimmer. Hier lebten das Ehepaar Leroy und drei jüngere Geschwister von Dominique: Laurance, Olivier und Pascal. Der ältere Bruder René kam oft abends zum Abendessen. Ich war mitten drin in einer großen, quicklebendigen, liebenswerten französischen Familie, nur mit der Schwierigkeit, dass ich zu wenig Französisch konnte, um mich zu unterhalten. Es wurde immer viel und schnell geredet und ich verstand fast nichts.

Das schmale Speisezimmer mit dem langen Tisch war wie eine Filmbühne. Originalton, ohne Untertitel. Ich langweilte mich gar nicht, sondern schaute zu: so ein Familienleben, so bunt, so witzig, frech, charmant und lebensfroh. Das hatte ich nie erlebt, aber immer gewünscht. Frau Leroy nannte sich selbst eine Gauchiste, eine Linke. Herr Leroy war ein Liberaler. Alle liebten ein bisschen Anarchie, aber das Leben folgte klaren Regeln. Das ist auch typisch französisch. Zum Abendessen mussten alle da sein, sonst wäre der Himmel eingestürzt. Er verdiente genug für die ganze Familie und sie machte den Haushalt und kochte sehr gut.

 

 C’est bon?“, fragte sie mich aus blitzenden schwarzen Augen.

 C’est phantastique.“

 On ne dit pas phantastique“, kam es zurück. „Man sagt nicht ‚fantastisch‘.“

 C’est formidable“ („Das ist vorzüglich“), verbesserte ich. Das wurde begrüßt und mein Auftritt damit zur Zufriedenheit beendet.

 

Die Eheleute Leroy bildeten sich nichts ein und ließen sich nichts vormachen. Sie mochten mich. Ich wusste nicht, warum. Ich war doch nur ein armer Kerl, ein junger Bursche ohne etwas unter den Füßen. Zum Weihnachtsfest zeichnete ich für sie das Haus. Das Bild kam an und hing dann gerahmt zwischen den Fenstern im Salon. Unsere Verbindung währte dreißig Jahre.

Ich erkannte sofort den Geruch, wenn ich das Haus betrat. „Bien installé?“ („Gut etabliert?“), fragte Herr Leroy zuerst und traf damit den Punkt. „Un Whisky, Cristophe?“ Ich fühlte mich zu Hause.

Frau Leroy kochte sehr lecker. Abendessen – der Höhepunkt des Tages. Auf der langen Tafel standen Brotkorb, Rotwein, Wasserkaraffe, Obstschale. Frau Leroy tischte nacheinander auf: Salatschüssel, Artischocken, Pastete, Entrecôte, Buschbohnen, Bratkartoffeln, Camembert, Crème Caramel, Espresso, Calvados.

Zum Glück war mein Französisch später viel besser. Die Konjugation der Verben finde ich schwierig, die Zeiten, den Konjunktiv. Der Wortschatz erweitert sich von selbst. Je länger wir uns kannten, desto besser verstanden wir uns.Die Kinder waren aus dem Haus. Nur die jüngste, die süße Laurance, war noch da. Behindert durch einen Gehirnschlag, plötzlich, in den Ferien mit den Eltern. Das war ein Schicksal. Trotzdem hielt sich das Ehepaar Leroy tapfer und aufrecht. Laurance erholte sich etwas. Das Leben sollte schön bleiben. Alle behielten den Humor, den Stil, die Contenance.

 

Das ist sehr französisch.

 

III

VON PARIS NACH WEST-BERLIN

 

Wir fuhren an zwei Tagen über Düsseldorf von Gare du Nord nach Bahnhof Zoo und kamen abends an. Anfang Januar – bittere Kälte. Mit der U-Bahn bis Viktoria-Luise-Platz. In der Martin-Luther-Straße wohnte unser Freund Rainer und erwartete uns. Er stellte uns sein Zimmer zur Verfügung und schlief nebenan bei Uwe. Dominique und ich wollten noch was unternehmen. Rainer schlug das Stadtmagazin „Hoo“ auf. Filmprogramme. Im Arsenal um zwei Ecken lief Lenz von Werner Herzog nach der Erzählung von Georg Büchner. An der Kinokasse überkam mich im Stillen ein neues Heimatgefühl.

Den 20. Jänner ging Lenz durch's Gebirg.

Danach aßen wir Currywurst.

 

Die Martin-Luther-Straße ist nicht schön. Schöneberg ist in dieser Gegend sehr zerstört und die Neubauten sind langweilig. Tagsüber vermissten wir die Pariser Bistros. Aber nachts ging in West-Berlin die Post ab. Es gab keine Polizeistunde. An einen Stadtplan dachten wir nicht. In den U-Bahnstationen hingen ganz große Karten von ganz Berlin mit roten Grenzen. Die Stadt war riesig.

Ein erster Streifzug führte uns in den schier endlosen Tiergarten. Frostige Kälte. Kein Mensch außer uns. Wir landeten an der alten Mitte von Berlin. Der Potsdamer Platz. Auf unserer Seite Straßen, die im Nichts endeten, und aus dem aufgeplatzten Asphalt wuchsen Birken. Ruinen, Verwilderung, geschlossene Andenkenbuden, ein Podest. Auf der anderen Seite eine Sandwüste mit Wachtürmen. Das schöne Brandenburger Tor stand vereinsamt auf der östlichen Hälfte. Der wuchtige Reichstag im Westen konnte auch nur von vergangenen Zeiten träumen.

Berlin war extrem, und wir zwei große Jungs, die erst lernten, mit dem Leben umzugehen. Ich blieb, Dominique kam immer wieder. Unsere Lieblingskneipe hieß Bei Charly. Motzstraße. Da war Trubel, je später es wurde, umso mehr. „Berliner Kneipen immer bordel“, bemerkte Dominique anerkennend.

Meine erste Bude war zur Untermiete in der Akazienstraße in Schöneberg. Die Gegend war klasse, aber mein Unterkommen sehr dürftig: kalt, dunkel und Außentoilette. Relativ teuer. Es war nicht einfach, an die netten, billigen Altbauwohnungen zu kommen. Es gab sie. Ich besaß nichts. Mein Vermieter, Herr Fahrenwald, verkaufte mir für 20 Mark eine Elektroherdplatte. Das war der Grundstein meines Haushalts. Eine gute Erfahrung. Fahrenwald war in Ordnung. Mein Vater rückte nicht einmal eine Wolldecke für mich raus, und die Winter in Berlin waren ordentlich kälter als im Rheinland. Ein Schlafsofa war vorhanden.

Ich machte jeden Job, um das Monatsgeld von meinem Vater aufzustocken. Die Berliner sind unkompliziert. Sie sagen, was sie denken, und das tun sie gern. Man weiß, woran man ist, und das erleichtert das Einleben. An der Uni lernte ich zunächst nur nette Düsseldorfer kennen, sogar aus der eigenen Schule. Wir hielten zusammen.

 

Der Bahnhof Friedrichstraße war die streng bewachte Drehscheibe des Ost-West-Transits, ein Labyrinth von Treppen und Gängen. Man verlor jedesmal die Orientierung bei dem seltenen Versuch, die Hauptstadt der DDR kennenzulernen. Die Krumme Lanke lag uns näher, die Bleibtreustraße, Schloss Charlottenburg, der Grunewaldsee, der Savignyplatz, das Schlesische Tor, der Landwehrkanal.

West-Berlin war eine Insel. Wie in einem Hafen kamen die Fernzüge am Bahnhof Zoo an nach langer Fahrt. Vollbesetzte Abteile, in denen es nach Menschen, Apfelsinen, Butterbroten und Bier roch. Man kam ins Gespräch und zwischendurch die Frage „Darf ich das Fenster öffnen?“ In der kargen Halle des Bahnhofs warteten viele Leute auf Freunde und Verwandte. Der Bahnhof war das Verkehrszentrum West-Berlins, wurde aber von der „Reichsbahn“, also der DDR, verwaltet. So sah es aus. Die Verglasungen der Bahngewölbe waren mit gelblicher Farbe übertüncht. Nur keine Freundlichkeit aufkommen lassen, daran hatte man sich schon gewöhnt. Der Kalte Krieg war da, aber kontrolliert. Der Kulturschock gehörte dazu.

 

Willkommen im Paradies!“

 

IV

Eine Familiengeschichte

 

Das größte Rätsel in meinem Leben ist mein Vater. Da er nie bereit war, mit mir ernsthaft zu reden, bleibt das Rätsel ungelöst. Jetzt bin ich auch alt geworden und merke, wie diese Geschichte mich nicht loslässt.

 

Seine ihn selbst betreffenden Angelegenheiten hat mein Vater bis zum Schluss geschickt geregelt. Er diskutierte nicht. In den Kneipen, die er liebte, saß er immer allein. Andere Männer kloppten Skat, hatten Spaß zusammen. Mein Vater trank genussvoll sein Bier, seinen Wacholder, rauchte Orientzigaretten und schaute zu; hatte Geld, sah gut aus, fühlte sich sicher und sagte gern Sprüche wie „Nach mit die Sintflut!“

Während meiner Kindheit war ich sein Liebling. Sonntags früh spielten wir Sumokämpfer in dem zerwühlten Ehebett. Ich quietschte vor Vergnügen, aber er ließ mich nie gewinnen. Dann trug er mich huckepack vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer, wo meine Mutter sonntäglich den Fühstückstisch gedeckt hatte.

Mein zehn Jahre älterer Bruder Heinz war der Liebling meiner Mutter. Mit ihm verstand sich mein Vater nicht gut. Mein Bruder brachte Schallplatten an mit Chansons, Flamenco, Bossa Nova und Gospel. Er begeisterte sich für moderne Malerei und las Heinrich Heine. Meine Mutter und ich ließen uns davon inspirieren, aber mein Vater lehnte das alles ab.

 

Er ging früh zu Bett. Der kleine Christoph war sein Anker. Ich lauschte seinen Kriegsanekdoten und erfundenen Märchen.

 

Der Tod meiner Mutter war unvorstellbar, aber eine Tatsache. Ich war sechzehn, allein mit meinem Vater. Ich ahnte: Das wird furchtbar, wollte es nicht glauben, denn ich liebte ihn doch. Es wurde furchtbar. Ich ging noch zur Schule. Den Haushalt zu machen, fiel mir nicht schwer. Nur; ich bekam kein Haushaltsgeld. Meine Abhängigkeit ließ er mich spüren. Er entpuppte sich als autoritär und launisch.

Frau X, geschieden, zwei Kinder – ein Stockwerk höher – hatte plötzlich mit das Sagen. Sie fand sich zeitig ein. Mit dem gleichen Lebensinstinkt ausgerüstet wie mein Vater.

Mein Vater war ein guter Bürokrat. Aber anstatt mir etwas über seine Bürokratie beizubringen, was ich nötig gehabt hätte, zeigte er die gleichgültige Seite des Bürokratischen. Frau X war zur Nazizeit Gruppenführerin im Bund Deutscher Mädel gewesen. Sie verehrte Adolf Hitler. „Über diese Zeit kannst du dir gar kein Urteil erlauben“, sagte sie zu mir. Wir passten nicht zusammen. Meine zukünftige Stiefmutter: Sie grinste mir freundlich ins Gesicht, aber das war nur taktisch.

 

There must be some way out of here sang Jimi Hendrix. Ich zog weg.

 

Dein Licht sei meines Fußes Leuchte.

 

Ich habe die Verbindung zu meinem Vater nie abreißen lassen. Ich rief ihn an, schrieb, kam zu Besuch, machte kleine Geschenke. Übernachten durfte ich nicht. Er war nun verheiratet, hatte sogar seinen Nachnamen geändert, bezog eine gute Rente und hatte nichts mehr zu sagen.

Nach dem frühen Tod meines Bruders besuchte ich meinen Vater ein letztes Mal. Lange war ich nicht da gewesen. Die Wohnungstür stand angelehnt. Meine Stiefmutter wünschte mir kein Beileid. Mein Vater saß an seinem Schreibtisch. Er sah erstaunlich gut aus, konnte aber nur wenig laufen. Ich hörte seine Stimme gern, aber was er redete, kannte ich auswendig. Mein Vater war überhaupt nicht spontan, sondern alles folgte einem Schema.

Wir gingen zusammen die alten Fotoalben durch. Er verwechselte meine Mutter mit meiner Tante, und von seinen Betriebsausflügen war er nicht abzubringen. Meinen Erzählungen folgte er schweigend, ohne etwas dazu zu sagen. Selber berichtete er nichts. Mein Vater konnte sich ausdrücken, aber diese Fähigkeit war verkümmert. Seine Themen endeten mit der Nachkriegszeit und der Währungsreform. Daraus entstand keine Unterhaltung. Ich erinnere mich an Sätze wie „Tot ist tot“, „Die Jugend muss zum Alter kommen“. - Am folgenden Vormittag ging es mir schlecht.

Mein Hoffen auf eine bessere Beziehung war eine Illusion. Er rief mich nicht an. Auf Post kam keine Antwort. Keine Frage, kein Gruß, kein gutes Wort. So ist er gegangen.

 

Nun schließt sich der Vorhang. Die Darsteller machen eine Verbeugung.

Das Leben“, sagte mein Bruder, „ist ein Traum.“

 

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Quellen

Diese und weitere Texte von Christoph Reishaus wurden zuerst an folgender Stelle veröffentlicht:

 

Die Sonnenstraße in: 'Sonne', Gemeindebrief der Ev. Jesus Christus – Kirchengemeinde Berlin – Kreuzberg, Juni – Juli 2019; Hrg. Der Gemeindekirchenrat / Thomas Rau

Gastfreundschaft in: 'Geben', ebda, August – September 2019; Hrg. Ders.

Von Paris nach West - Berlin in: 'Wechsel', ebda., Oktober – November 2019; Hrg. Ders.

Eine Familiengeschichte in: 'Rätsel', ebda., Dezember 2019 – Januar 2020; Hrg. Ders.

 

Dank

Die PandaArtFactory bedankt sich beim Autor für die Erlaubnis, seine Texte zu veröffentlichen, sowie beim Gemeindekirchenrat der Ev. Jesus Christus – Kirchengemeinde für freundliche technische Unterstützung!

 

© und alle Urheberrechte: Christoph Reishaus, Berlin 2019

Published on www.pandaartfactory.de Januar 2020